Weihnachten für
Zweisame
![]() |
Nur
Kinderfest? "Weihnachten ist das Fest für Kinder", meint Sylvia, eine sonst quirlige Friseurin, wehmütig zu ihrer Kundschaft. "Was soll ich viel feiern? Kind hab ich keines. Ich darf nicht zu viel essen, mein Lebensgefährte nicht zu viel trinken, das Fernsehprogramm ist auch nicht interessant. Also bin ich froh, wenn die Feiertage vorbei sind". Gar nicht so selten bekommen Paare, denen Kindersegen versagt geblieben ist oder deren Sprößlinge schon aus dem Haus sind, Schwierigkeiten, wenn Sie "unter vier Augen" Weihnachten feiern sollen. Viele flüchten vor dieser Zweisamkeit zu Verwandten und suchen Familienanschluss. Andere machen Weihnachtsurlaub und verbringen den Heiligen Abend in der Gaststube eines Hotels, wo Weihnachtsstimmung schon mitgebucht werden kann. Immer mehr fliegen in die Karibik, wo Sonne und Meer alpenländische Weihnachtsgefühle leichter vergessen lassen. Beim ersten Mal
peinlich |
Aber der Abend wurde dann doch recht schön. Mit der Zeit haben Max und Karin ihren "Ritus" gefunden. Heute feiern sie den Heiligen Abend gerne zu zweit in ihrer 60 m²-Wohnung in Graz; die Verwandten werden grundsätzlich erst an den folgenden Tagen besucht oder eingeladen. "Es tut uns gut, zu zweit zu sein ", versichert Max glaubwürdig. Und wie verläuft der Heilige Abend bei Karin und Max? Was können sie Paaren in ähnlicher Situation raten? "Ich habe am Heiligen Abend frei, weil unser Büro immer Weihnachtsferien macht. Deshalb kaufe ich am Vormittag ein, was wir zum Essen brauchen und mache die Wohnung etwas sauber. Den Einkaufszettel hat Max geschrieben, weil er der bessere Koch von uns beiden ist. Er kocht das Weihnachtsessen, meist Fisch. Den großen Weihnachtsputz haben wir schon gemeinsam ein paar Tage zuvor erledigt. Ich hasse Hetzerei am Heiligen Abend."
Ein eigener Ritus
Haben die beiden auch einen Christbaum? "Ja, einen kleinen. Den
muss ich in der Woche vor Weihnachten besorgen, aber geschmückt wird er von
Karin. Sie hat einmal als Dekorateurin gearbeitet", verrät Max. Er kommt am
Heiligen Abend gegen 15 Uhr vom Geschäft nach Hause. Dann holt er mit einer
Laterne das "Friedenslicht aus Betlehem" vom Hauptbahnhof , auch für zwei
Familien in der Nachbarschaft, die immer schon darauf warten. Das
"Friedenslicht" wird im Wohnzimmer in einer Öllampe aufbewahrt. Max befestigt
den Christbaum im Halter, während Karin die Weihnachtskrippe aufstellt:
Keramikfiguren aus Peru, die sie in die Ehe mitbrachte. Sie sorgt auch für
schöne Musik aus dem CD-Player: Weihnachtslieder aus aller Welt. Besonders die
afrikanischen und lateinamerikanischen Lieder tun es den beiden immer wieder an.
Karin schmückt den Baum. Max verschwindet für die nächsten zwei Stunden in die
Küche. Ihm liegt viel daran, für seine Frau und sich ein köstliches Festessen zu
bereiten. Er deckt auch den Tisch. "Es ist nicht gut, wenn Paare sagen: Für uns
zwei zahlt sich ein Festessen nicht aus; jausnen wir halt etwas aus dem
Wurstpapier", warnt Max, und Karin gibt ihm recht.
Altes neu entdeckt
"Wenn der Christbaum fertig geschmückt und das Essen vorbereitet
ist, gehen wir rauchen", sagt Karin und lacht herzhaft. Was meinen die beiden
Nichtraucher damit? Tatsächlich, die beiden haben vor vier Jahren den alten
Brauch des "Rauchens", den man eher auf Bauernhöfen als in Großstadtwohnungen
vermutet, für sich neu entdeckt! Freilich in abgewandelter Form. Das moderne
Rauchgefäß wird in die Mitte des Tisches gestellt und guter Weihrauch darin
verbrannt. Werden dabei auch Gebete gesprochen? "Noch nicht, aber vielleicht
kommt auch das noch", meint Max verlegen. "Wenn alles duftet, zünde ich mit dem
Friedenslicht die Kerzen am Christbaum an", fährt Karin fort, "und lese aus dem
Pfarrblatt das Weihnachtsevangelium vor". "Das hab ich ursprünglich komisch
gefunden, weil ich im Unterschied zu Karin von zu Hause her so etwas nicht
gewohnt war, aber jetzt finde ich es gut so", ergänzt Max. "Stille Nacht"
gesungen haben beide schon in ihrem Elternhaus. Das Singen zu zweit sorgte nur
beim ersten zweisamen Heiligen Abend für Verlegenheit, dann nie mehr. Drei
Strophen schaffen Karin und Max problemlos. Karin begleitet das Lied auf der
Gitarre. Ob die beiden auch etwas beten? "Heuer wollen wir es probieren, ein
Vaterunser und vielleicht auch sonst etwas. Bücherl gibt´s ja genug. Aber es
braucht auch Mut", sind beide einer Meinung.
Die Andenkenbox
Nach dem "Stille Nacht" geben die beiden sich ihre
Weihnachtsgeschenke. Auch die Geschenke, die sie von anderen erhalten haben,
werden jetzt geöffnet. Dann wird das von Max zubereitete Essen in vollen Zügen
langsam genossen. "Nach dem Essen hole ich unsere Andenkenbox. In dieser
Schachtel werden Hochzeitseinladungen, Taufanzeigen, Sterbebildchen, auch
Zeitungsausschnitte und andere Erinnerungen aus unserem Verwandten- und
Bekanntenkreis aufbewahrt", erzählt Karin. "Wir schauen die Sachen durch und
sind mit den betroffenen Menschen im Geiste verbunden. Das ist auch eine Art
Gebet. Die Idee zu dieser Box hatte Max." Und Max ist sichtlich stolz auf seine
Erfindung. Die Bildchen, Zettel und Billets führen jeden Heiligen Abend zu einem
anregenden, manchmal auch sehr tiefen Gespräch. Der gute Wein aus Karins Heimat
wirkt dabei unterstützend. Nur hin und wieder wird das Gespräch durch Anrufe von
den Eltern und Geschwistern unterbrochen, oder besser: neu angeregt. Spät am
Abend machen sich Karin und Max zu Fuß auf den Weg zur Kirche, um dort in großer
Gemeinschaft die Christmette zu feiern. Sie wissen, dass Weihnachten mehr sein
kann als leuchtende Kinderaugen und leise rieselnder Schnee.
Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger