Lumen Christi - Gedanken zur Osterkerze
| Es war
schon sehr beeindruckend, als der Dorfpfarrer aus dem großen
Sakristeikasten Feuersteine holte und uns neugierigen Ministranten
erklärte: "Das Feuer, mit dem die Osterkerze entzündet wird, muss aus
Steinen geschlagen werden. Der Funke aus den Steinen ist Zeichen für den
ans Kreuz geschlagenen Christus, der aus dem Felsengrab erstand, um die
Welt zu erhellen." Im Religionsunterricht erfuhren wir Kinder, dass die
Osterkerze auch an das Alte Testament erinnere. Spannend erzählte unser
Katechet die Geschichte vom Roten Meer, vom Pharao, von Mose und dem Volk
Israel, das in die Freiheit geführt wurde, und von Gott, der die
Israeliten tagsüber in einer weißen Wolkensäule und in der Nacht in einer
leuchtenden Feuersäule begleitet haben soll. "Unsere Osterkerze", so der
Katechet, "ist auch so ein Säule der Gegenwart Gottes. Gott ist in Jesus
immer für uns da und will auch uns von mächtigen Tyrannen befreien. Sie
heißen Angst, Sünde, Verzweiflung, Tod." Auch wenn wir nicht alles
verstanden, es klang ziemlich toll, was Jesus da für uns unternommen
hatte. Und die Osterkerze machte es deutlich.
Als jüngster Ministrant durfte ich bei der Feuerweihe auf einer Silbertasse fünf goldfarbene Weihrauchkugeln halten. Der Pfarrer steckte sie dann in das auf die Osterkerze geklebte rote Wachskreuz, und zwar in die Mitte und die vier Enden des Kreuzes je eine. Sie stellten die fünf großen Wunden des Gekreuzigten dar. Vom Tod Jesu ging ja nicht Verwesungsgeruch aus, sondern der Duft des Lebens, der Festlichkeit, der Anbetung. Jesus gab der ganzen Welt und der ganzen Geschichte einen einmaligen Sinn. Das bezeugten auch die zwei seltsamen Zeichen auf der Osterkerze: das Alpha und das Omega, der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Der Gekreuzigte und Auferstandene sei Anfang und Ziel und freilich auch Mitte der Welt und unseres Lebens, erklärte der Pfarrer. Christus umfasse alles, das tiefste Dunkel und das hellste Glück der Welt. Jeder von uns müsse manchmal einen Karfreitag durchmachen, aber durch Christus habe jeder Karfreitag die Chance, einen Ostersonntag hervorzubringen. So oder ähnlich deutete der einfache Geistliche das Geheimnis der Osternacht als Geheimnis unseres Lebens. Ja, und dann war auf der Osterkerze noch die Jahreszahl angebracht, in roten Wachsziffern. Das, was einst in Jerusalem geschehen sei, werde auch heute in unserem Dorf aktuell, sei jetzt für uns lebendige Gegenwart, mahnte der Pfarrer. Jesus Christus nehme uns und unser Heute in seine Auferstehung hinein. Und wir, die wir an ihn glauben, dürften, ja müssten seine Botschaft durch die Zeit tragen – von Jahr zu Jahr. Ich weiß noch gut, wie unser Pfarrer mit einer kleinen Silberlanze die Ziffern nachzeichnete: 1- 9 - 5 - 8. Seither sind viele Jahre vergangen. Jedes Jahr brachte in mein Leben eine eigene Mischung von Freuden und Sorgen, Ängsten und Hoffnungen – und verlässlich, wenn auch manchmal zaghaft, das Licht der Osterkerze: Lumen Christi! – Deo gratias! ("Lumen Christi" ist lateinisch und bedeudet "Licht Christi", "Christus-Licht".) |
Osterkerze klassisch |
Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger