Maria - Bild des geglückten Menschen


Maria mit Jesuskind  und Prophet (Priszilla-Katakombe, Rom um 210): " Seht, die junge Frau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und ihm den Namen Immanuel - Gott ist mit uns! - geben." (Jes 7,14)

     

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      Jesus krönt Maria, das Urbild aller Gläubigen (Mosaik): "Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe." (Offb 3,21)   "Der Herr krönt dich mit Gande und Barmherzigkeit." (Ps 103,4)

Unbefleckte Empfängnis - was ist das?

Vollwert-Christen?
"Echt", "naturrein", "unverfälscht", "frei von Schadstoffen" "vollwertig"- so oder ähnlich bezeichnen wir Lebensmittel von besonderer Qualität. Gibt es auch Menschen, von denen wir mit Überzeugung sagen können: Der oder die ist echt, unverfälscht, rein ... - kurz: wahrhaft menschlich?
Meist erleben wir uns selbst und unsere Mitmenschen nicht so klar, sondern widersprüchlich, manchmal sogar als böse und gemein. Aber tief in uns tragen wir alle die Sehnsucht nach gelungenem und reifem Menschsein.
Christen erkennen in Jesus von Nazaret das Urbild des "wahren Menschen". Gott selbst - so feiern wir zu Weihnachten - ist in diesem Jesus Mensch geworden und hat seine Menschlichkeit voll entfaltet und gelebt. Aber er will damit nicht allein bleiben, sondern alle Menschen einladen, auch ihr Menschsein wachsen und reifen zu lassen. Kann dies gelingen? Gibt es auch "Vollwert-Christen"?

Katholiken, Orthodoxe, Muslime ... und Maria
Das christliche Volk verehrt in Maria, der Mutter Jesu, einen voll gelungenen, ganz und gar "wert-vollen" Menschen. (Diese Überzeugung war schon da, bevor Theologen und Päpste sich über Maria dogmatische Gedanken machten.) Bereits die Urkirche sieht in Maria eine besonders "Begnadete" und "Gesegnete" (Lukas 1,28 u. 42), ein Ideal des wahren Christenmenschen. Daran anknüpfend besingen die orthodoxen Christen sie bis heute als Panagia (Ganz-Heilige), verehren sie die Christen des Abendlandes als Immaculata (Unbefleckte), also als einen Menschen, der in moralischer Hinsicht "kern-gesund" ist, nicht infiziert von der allgemeinen Immunschwäche gegenüber dem Bösen, von der "Erbsünde", wie die Theologen sagen. Katholischer Glaube bekennt: Vom ersten Augenblick ihres Lebens (Empfängnis) an  durfte Maria ungetrübt (unbefleckt) in der Freundschaft mit Gott leben. Das ist der Sinn des missverständlichen Ausdrucks "Unbefleckte Empfängnis". Ein unglückliches Wort für eine glückliche Sache! Übrigens verehren nicht nur Christen, sondern auch gläubige Muslime Maria als vorbildlichen Menschen, der bereits im Mutterleib von Gott erwählt und unter seinen besonderen Schutz genommen worden ist (Koran, Sure 3). Ein eigenes kirchliches Fest, an dem man der Erwählung Marias im Mutterleib gedenkt, ist seit dem 9. Jahrhundert nachweisbar. Im Jahre 1854 unterstrich Papst Pius IX. durch die Verkündigung eines Dogmas - er bediente sich dabei ganz der theologischen Sprache seines Jahrhunderts - die besondere menschliche Begabung und Berufung Marias.

Was bedeutet das Fest "Maria Empfängnis" für unser Leben?


8. Dezember: Maria Empfängnis

Die Autobiographie eines beliebten TV-Moderators trägt den Titel "Mir wurde nichts geschenkt". Ich habe das Buch nicht gelesen, aber der Titel suggeriert: Tüchtig ist der Mensch, der nur zu sich selbst "Danke" sagen muss. Etwas geschenkt zu bekommen, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, ist minderwertig. Diese Auffassung wird durch die Feier des 8. Dezembers gründlich korrigiert: Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens können gerade nicht verdient werden: Liebe, Begabung, Charisma, glückliche "Zu-Fälle"... Das, woraus wir letztlich leben und was unsere eigenen Entscheidungen und Leistungen überhaupt erst möglich macht, ist Geschenk (theologisch "Gnade"). Die Kirche stellt uns Maria als Bild des begnadeten Menschen vor Augen: Inmitten einer von Gottesfinsternis ("Erbsünde") geprägten Menschheit, darf sie von Anfang an im Licht Gottes leben. Und dieses Geschenk, dieses Charisma der besonderen Gottesnähe ist Basis für ihr weiteres Leben. So kann sie - nach einem schönen Wort der hl. Hildegard von Bingen - die "aurea materia", der "Goldstoff" werden, aus dem der neue Adam, Jesus Christus, genommen wird. Hätte Maria Memoiren geschrieben, hätte sie diese sicher nicht mit "Mir wurde nichts geschenkt" betitelt. Vielleicht hätte sie den Vers Lukas 1,49 gewählt!? Jedenfalls will uns das Fest ihrer "Begabung" zu dankbarer Nachdenklichkeit bewegen: Woraus lebe ich? Welche Begabungen und Charismen, welche Begegnungen und Beziehungen wurden mir von Gott geschenkt? Und hoffentlich darf auch ich einmal mit Maria und Paulus sagen: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben." (1. Korinther 15,10 ).


Gedanken zu "Maria Himmelfahrt"

Ein lächerliches Dogma?
Er war Arzt am Land. Er wusste selbst nicht, ob er sich als Atheisten oder als "gottgläubig" bezeichnen sollte. Von den "Pfaffen" hielt er jedenfalls nicht viel. Schon seit der Hitlerzeit war er aus der Kirche ausgetreten. Dennoch sprach er mich - ich war ein Freund seiner erwachsenen Kinder - oft auf religiöse Themen an. "Als Katholik müssen Sie ja daran glauben, dass die Maria in den Himmel aufgefahren ist. Wo ist sie jetzt im Weltraum?", provozierte er mich eines Tages. Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich darauf antwortete. Jedenfalls gab ich zu bedenken, dass es für jemanden, der mit religiösen Bildern und Symbolen nichts anfangen kann, schwierig sei, Glaubensaussagen zu verstehen. Ich wollte auch noch etwas über die "Poesie des Glaubens" sagen, ließ es dann aber bleiben. Mein Gegenüber wollte es auch nicht hören. Er fand ein Fest wie "Maria Himmelfahrt" einfach dumm und lächerlich.

Frucht der Auferstehung Jesu
Für katholische und orthodoxe Christen ist dieses Fest, das schon um 450 in Jerusalem nachgewiesen werden kann und seit dem 7. Jahrhundert auch im Abendland gefeiert wird, ein Tag großer Hoffnung. Es gehört zum Kern unseres Glaubens, dass Jesus Christus nach seinem Tod am Kreuze nicht nur zum - man verzeihe den Ausdruck - "Privatvergnügen" auferstanden ist, sondern dass er seine Osterherrlichkeit mit anderen teilen will: "Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen." (Johannes 12,32). "Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn ich hingegangen bin und einen Platz für euch bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin." (Johannes 14,2-3). Seit dem 5. Jahrhundert wächst unter den Christen die Überzeugung, dass an Maria, der Mutter Jesu, dieses "Ich werde euch zu mir holen" auf besonders schöne Weise in Erfüllung gegangen ist: Maria darf seit Beendigung ihres Erdenlebens voll und ganz an der Herrlichkeit ihres auferstandenen Sohnes teilhaben. Diese Glaubensüberzeugung äußert sich im Lauf der Jahrhunderte auf sehr unterschiedliche und vielfältige Weise: in Hymnen, volkstümlichen Legenden, künstlerischen Darstellungen , aber auch in subtilen theologischen Überlegungen. Im Jahre 1950 wird sie von Papst Pius XII. bestätigt und als Dogma verkündet.

Was hat das mit uns zu tun?
"Dogma" bedeutet: Hier wird uns etwas gesagt, was für unser Leben mit Gott ganz wichtig ist; es geht um unser Heil. Maria ist die "Ikone" des voll erlösten Menschen. In ihr wird uns exemplarisch gezeigt, wozu wir alle berufen sind: zur Vollendung in Gott - und zwar "mit Leib und Seele". Ja, auch mit unserem Leib! Wir müssen dabei nicht an revitalisierte Leichen denken, die durch den Weltraum fliegen, wie mein oben zitierter Gesprächspartner spöttisch gemeint hat. Solches passt wohl eher in Science-fiction-Filme. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass unsere leibliche Wirklichkeit, die so augenscheinlich der Zerstörungsmacht des Todes unterliegt, für Gott nicht verloren ist. Nichts fällt aus seiner schöpferischen Liebe heraus - kein Gedanke, kein Atom. Er verspricht uns vielmehr: "Seht, ich mache alles neu!" (Offenbarung 21,5). Was wir "Verwesung" nennen, ist für Gott vielleicht schon der Beginn dieser Neuschöpfung. Der Apostel Paulus lehrt: "Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich ... Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer" (1 Korinther 15, 43f). Über das "Wie" brauchen wir uns den Kopf nicht zu zerbrechen. Es genügt die gläubige Hoffnung, dass alles, was wir denken, fühlen und tun, kurz gesagt: alles, was wir "mit Leib und Seele" sind, von Gott angenommen, geläutert, verwandelt und vollendet wird.

Wir feiern unsere Zukunft
Wer den 15. August feiert, feiert auch seine eigene Zukunft. Im Tagesgebet, das für die Messe am Vorabend des Hochfestes vorgesehen ist, heißt es: "Allmächtiger Gott, du hast die Jungfrau Maria zur Mutter deines ewigen Sohnes erwählt. Du hast auf deine niedrige Magd geschaut und sie mit Herrlichkeit gekrönt. Höre auf ihre Fürsprache und nimm auch uns in deine Herrlichkeit auf, da du uns erlöst hast durch den Tod und die Auferstehung deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit."
Mein eingangs erwähnter Gesprächspartner ist seit 10 Jahren tot. Wie er zuletzt zu Gott stand, entzieht sich meinem Wissen. Aber ich hoffe, dass ihm durch Gottes Gnade möglich ist, jene ewige Schönheit zu schauen, deren kirchliche Bilder, Zeichen und Feste ihm zu Lebzeiten fremd geblieben sind.

Anmerkungen

Epiphanios von Salamis (+403):
"Mag sein, die heilige Jungfrau ist gestorben und wurde begraben; dann ist ihr Tod mit Ehre verbunden, ihr Ende mit Reinheit; dann hat sie die Krone der Jungfräulichkeit erreicht. Mag sein, sie wurde getötet und begraben, wie die Schrift sagt: Und ihre Seele wird ein Schwert durchdringen (Lk 2,35); dann ist ihr Los die Gemeinschaft und Ehre der Martyrer und ihr heiliger Leib mit Seligkeit überhäuft; denn durch ihn hat er (Gott) Licht in die Welt gebracht. Mag sein, dass sie am Leben blieb; denn Gottes Willen ist nichts unmöglich. Ihr Ende aber kennt niemand." (Pan. 78,24; PG 42,737)
Epiphanios wird um 315 bei Eleutheropolis in Judäa von jüdischen oder christlichen Eltern geboren, lernt viele Sprachen, ist kein großer Theologe, bereist damalige christliche Welt (Palästina, Ägypten, Kleinasien, Rom), gründet und leitet ein Kloster in der Nähe seines Geburtsortes, wird um 367 zum Metropoliten von Salamis gewählt, stirbt um 403.

Alte Glaubenseinsicht?
Die Glaubenseinsicht, Maria, die Mutter Jesu sei "mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ", ist in der Kirche vielleicht schon viel früher gewonnen worden als weithin angenommen. Der bald nach 400 verfasste Bericht des Pseudo-Meliton über den Heimgang Marias (Transitus Mariae) erwähnt nebenbei auch einen gewissen Leucius, der schon früher einen Bericht über den Heimgang Marias geschrieben haben soll. Wenn, wie manche Forscher meinen, dieser Leucius mit jenem Leucius identisch ist, der in nachapostolischer Zeit Geschichten über die Apostel verfasst hat, oder sogar mit dem Leucius, der in der alten Kirche als Schüler des Apostels Johannes bekannt ist, dann gab es die erste (nicht mehr erhaltene) schriftliche Botschaft von der "Aufnahme Marias in den Himmel" schon im 2. Jahrhundert.


Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger