Maria - Bild des geglückten Menschen
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Unbefleckte Empfängnis - was ist das?
Vollwert-Christen?
"Echt", "naturrein", "unverfälscht",
"frei von Schadstoffen" "vollwertig"- so oder ähnlich bezeichnen wir
Lebensmittel von besonderer Qualität. Gibt es auch Menschen, von denen wir mit
Überzeugung sagen können: Der oder die ist echt, unverfälscht, rein ... - kurz:
wahrhaft menschlich?
Meist erleben wir uns selbst und unsere Mitmenschen
nicht so klar, sondern widersprüchlich, manchmal sogar als böse und gemein. Aber
tief in uns tragen wir alle die Sehnsucht nach gelungenem und reifem
Menschsein.
Christen erkennen in Jesus von Nazaret das Urbild des "wahren
Menschen". Gott selbst - so feiern wir zu Weihnachten - ist in diesem Jesus
Mensch geworden und hat seine Menschlichkeit voll entfaltet und gelebt. Aber er
will damit nicht allein bleiben, sondern alle Menschen einladen, auch ihr
Menschsein wachsen und reifen zu lassen. Kann dies gelingen? Gibt es auch
"Vollwert-Christen"?
Katholiken, Orthodoxe, Muslime
... und Maria
Das christliche Volk verehrt in Maria, der Mutter
Jesu, einen voll gelungenen, ganz und gar "wert-vollen" Menschen. (Diese
Überzeugung war schon da, bevor Theologen und Päpste sich über Maria dogmatische
Gedanken machten.) Bereits die Urkirche sieht in Maria eine besonders
"Begnadete" und "Gesegnete" (Lukas 1,28 u. 42), ein Ideal des wahren
Christenmenschen. Daran anknüpfend besingen die orthodoxen Christen sie bis
heute als Panagia (Ganz-Heilige), verehren sie die Christen des
Abendlandes als Immaculata (Unbefleckte), also als einen Menschen, der
in moralischer Hinsicht "kern-gesund" ist, nicht infiziert von der allgemeinen
Immunschwäche gegenüber dem Bösen, von der "Erbsünde", wie die Theologen sagen.
Katholischer Glaube bekennt: Vom ersten Augenblick ihres Lebens (Empfängnis)
an durfte Maria ungetrübt (unbefleckt) in der Freundschaft mit Gott leben.
Das ist der Sinn des missverständlichen Ausdrucks "Unbefleckte
Empfängnis". Ein unglückliches Wort für eine glückliche Sache! Übrigens
verehren nicht nur Christen, sondern auch gläubige Muslime Maria als
vorbildlichen Menschen, der bereits im Mutterleib von Gott erwählt und unter
seinen besonderen Schutz genommen worden ist (Koran, Sure 3). Ein eigenes
kirchliches Fest, an dem man der Erwählung Marias im Mutterleib gedenkt, ist
seit dem 9. Jahrhundert nachweisbar. Im Jahre 1854 unterstrich Papst Pius IX.
durch die Verkündigung eines Dogmas - er bediente sich dabei ganz der
theologischen Sprache seines Jahrhunderts - die besondere menschliche Begabung
und Berufung Marias.
Was bedeutet das Fest "Maria Empfängnis" für unser Leben?
Die Autobiographie eines beliebten TV-Moderators trägt den Titel "Mir wurde nichts geschenkt". Ich habe das Buch nicht gelesen, aber der Titel suggeriert: Tüchtig ist der Mensch, der nur zu sich selbst "Danke" sagen muss. Etwas geschenkt zu bekommen, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, ist minderwertig. Diese Auffassung wird durch die Feier des 8. Dezembers gründlich korrigiert: Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens können gerade nicht verdient werden: Liebe, Begabung, Charisma, glückliche "Zu-Fälle"... Das, woraus wir letztlich leben und was unsere eigenen Entscheidungen und Leistungen überhaupt erst möglich macht, ist Geschenk (theologisch "Gnade"). Die Kirche stellt uns Maria als Bild des begnadeten Menschen vor Augen: Inmitten einer von Gottesfinsternis ("Erbsünde") geprägten Menschheit, darf sie von Anfang an im Licht Gottes leben. Und dieses Geschenk, dieses Charisma der besonderen Gottesnähe ist Basis für ihr weiteres Leben. So kann sie - nach einem schönen Wort der hl. Hildegard von Bingen - die "aurea materia", der "Goldstoff" werden, aus dem der neue Adam, Jesus Christus, genommen wird. Hätte Maria Memoiren geschrieben, hätte sie diese sicher nicht mit "Mir wurde nichts geschenkt" betitelt. Vielleicht hätte sie den Vers Lukas 1,49 gewählt!? Jedenfalls will uns das Fest ihrer "Begabung" zu dankbarer Nachdenklichkeit bewegen: Woraus lebe ich? Welche Begabungen und Charismen, welche Begegnungen und Beziehungen wurden mir von Gott geschenkt? Und hoffentlich darf auch ich einmal mit Maria und Paulus sagen: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben." (1. Korinther 15,10 ).
Gedanken zu "Maria Himmelfahrt"
Ein lächerliches
Dogma?
Er war Arzt am Land. Er wusste selbst nicht, ob er
sich als Atheisten oder als "gottgläubig" bezeichnen sollte. Von den "Pfaffen"
hielt er jedenfalls nicht viel. Schon seit der Hitlerzeit war er aus der Kirche
ausgetreten. Dennoch sprach er mich - ich war ein Freund seiner erwachsenen
Kinder - oft auf religiöse Themen an. "Als Katholik müssen Sie ja daran glauben,
dass die Maria in den Himmel aufgefahren ist. Wo ist sie jetzt im Weltraum?",
provozierte er mich eines Tages. Ich weiß heute nicht mehr genau, was ich darauf
antwortete. Jedenfalls gab ich zu bedenken, dass es für jemanden, der mit
religiösen Bildern und Symbolen nichts anfangen kann, schwierig sei,
Glaubensaussagen zu verstehen. Ich wollte auch noch etwas über die "Poesie des
Glaubens" sagen, ließ es dann aber bleiben. Mein Gegenüber wollte es auch nicht
hören. Er fand ein Fest wie "Maria Himmelfahrt" einfach dumm und
lächerlich.
Frucht der Auferstehung
Jesu
Für katholische und orthodoxe Christen ist dieses Fest,
das schon um 450 in Jerusalem nachgewiesen werden kann und seit dem 7.
Jahrhundert auch im Abendland gefeiert wird, ein Tag großer Hoffnung. Es gehört
zum Kern unseres Glaubens, dass Jesus Christus nach seinem Tod am Kreuze nicht
nur zum - man verzeihe den Ausdruck - "Privatvergnügen" auferstanden ist,
sondern dass er seine Osterherrlichkeit mit anderen teilen will: "Wenn ich über
die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen." (Johannes 12,32). "Im Hause
meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn ich hingegangen bin und einen Platz für
euch bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr
dort seid, wo ich bin." (Johannes 14,2-3). Seit dem 5. Jahrhundert wächst unter
den Christen die Überzeugung, dass an Maria, der Mutter Jesu, dieses "Ich werde
euch zu mir holen" auf besonders schöne Weise in Erfüllung gegangen ist: Maria
darf seit Beendigung ihres Erdenlebens voll und ganz an der Herrlichkeit ihres
auferstandenen Sohnes teilhaben. Diese Glaubensüberzeugung äußert sich im Lauf
der Jahrhunderte auf sehr unterschiedliche und vielfältige Weise: in Hymnen,
volkstümlichen Legenden, künstlerischen Darstellungen , aber auch in subtilen
theologischen Überlegungen. Im Jahre 1950 wird sie von Papst Pius XII. bestätigt
und als Dogma verkündet.
Was hat das mit uns zu
tun?
"Dogma" bedeutet: Hier wird uns etwas gesagt, was für
unser Leben mit Gott ganz wichtig ist; es geht um unser Heil. Maria ist die
"Ikone" des voll erlösten Menschen. In ihr wird uns exemplarisch gezeigt, wozu
wir alle berufen sind: zur Vollendung in Gott - und zwar "mit Leib und
Seele". Ja, auch mit unserem Leib! Wir müssen dabei nicht an revitalisierte
Leichen denken, die durch den Weltraum fliegen, wie mein oben zitierter
Gesprächspartner spöttisch gemeint hat. Solches passt wohl eher in
Science-fiction-Filme. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass unsere leibliche
Wirklichkeit, die so augenscheinlich der Zerstörungsmacht des Todes unterliegt,
für Gott nicht verloren ist. Nichts fällt aus seiner schöpferischen Liebe heraus
- kein Gedanke, kein Atom. Er verspricht uns vielmehr: "Seht, ich mache alles
neu!" (Offenbarung 21,5). Was wir "Verwesung" nennen, ist für Gott vielleicht
schon der Beginn dieser Neuschöpfung. Der Apostel Paulus lehrt: "Was gesät wird,
ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich ... Gesät wird ein irdischer
Leib, auferweckt ein überirdischer" (1 Korinther 15, 43f). Über das "Wie"
brauchen wir uns den Kopf nicht zu zerbrechen. Es genügt die gläubige Hoffnung,
dass alles, was wir denken, fühlen und tun, kurz gesagt: alles, was wir "mit
Leib und Seele" sind, von Gott angenommen, geläutert, verwandelt und vollendet
wird.
Wir feiern unsere
Zukunft
Wer den 15. August feiert, feiert auch seine eigene
Zukunft. Im Tagesgebet, das für die Messe am Vorabend des Hochfestes vorgesehen
ist, heißt es: "Allmächtiger Gott, du hast die Jungfrau Maria zur Mutter deines
ewigen Sohnes erwählt. Du hast auf deine niedrige Magd geschaut und sie mit
Herrlichkeit gekrönt. Höre auf ihre Fürsprache und nimm auch uns in deine
Herrlichkeit auf, da du uns erlöst hast durch den Tod und die Auferstehung
deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, der in der Einheit des Heiligen
Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit."
Mein eingangs erwähnter
Gesprächspartner ist seit 10 Jahren tot. Wie er zuletzt zu Gott stand, entzieht
sich meinem Wissen. Aber ich hoffe, dass ihm durch Gottes Gnade möglich ist,
jene ewige Schönheit zu schauen, deren kirchliche Bilder, Zeichen und Feste ihm
zu Lebzeiten fremd geblieben sind.
Epiphanios von Salamis (+403):
"Mag sein, die heilige Jungfrau ist gestorben und wurde begraben; dann ist ihr Tod mit Ehre verbunden, ihr Ende mit Reinheit; dann hat sie die Krone der Jungfräulichkeit erreicht. Mag sein, sie wurde getötet und begraben, wie die Schrift sagt: Und ihre Seele wird ein Schwert durchdringen (Lk 2,35); dann ist ihr Los die Gemeinschaft und Ehre der Martyrer und ihr heiliger Leib mit Seligkeit überhäuft; denn durch ihn hat er (Gott) Licht in die Welt gebracht. Mag sein, dass sie am Leben blieb; denn Gottes Willen ist nichts unmöglich. Ihr Ende aber kennt niemand." (Pan. 78,24; PG 42,737)
Epiphanios wird um 315 bei Eleutheropolis in Judäa von jüdischen oder christlichen Eltern geboren, lernt viele Sprachen, ist kein großer Theologe, bereist damalige christliche Welt (Palästina, Ägypten, Kleinasien, Rom), gründet und leitet ein Kloster in der Nähe seines Geburtsortes, wird um 367 zum Metropoliten von Salamis gewählt, stirbt um 403.Alte Glaubenseinsicht?
Die Glaubenseinsicht, Maria, die Mutter Jesu sei "mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ", ist in der Kirche vielleicht schon viel früher gewonnen worden als weithin angenommen. Der bald nach 400 verfasste Bericht des Pseudo-Meliton über den Heimgang Marias (Transitus Mariae) erwähnt nebenbei auch einen gewissen Leucius, der schon früher einen Bericht über den Heimgang Marias geschrieben haben soll. Wenn, wie manche Forscher meinen, dieser Leucius mit jenem Leucius identisch ist, der in nachapostolischer Zeit Geschichten über die Apostel verfasst hat, oder sogar mit dem Leucius, der in der alten Kirche als Schüler des Apostels Johannes bekannt ist, dann gab es die erste (nicht mehr erhaltene) schriftliche Botschaft von der "Aufnahme Marias in den Himmel" schon im 2. Jahrhundert.
Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger