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Zugleich drückt sie den nichtchristlichen Religionen, vor allem dem Judentum, dem Islam, dem Buddhismus und dem Hinduismus, ihre große Wertschätzung aus und ruft zum Dialog mit ihnen auf. Wörtlich hält das Konzil fest: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“ (NA 2)
Johannes Paul II. als Pionier
Katholische Weite war es auch, die
Johannes Paul II. 1986 dazu bewog, Vertreter verschiedener Religionen nach
Assisi zu einem interreligiösen Weltgebetstreffen zusammenzurufen. Der Papst
setzte damit einen Meilenstein in der Religionsgeschichte. Im Jänner 2002 lud er
wieder zu einem solchen Treffen nach Assisi und unterzeichnete gemeinsam mit
anderen Religionsführern den „Friedensdekalog“, zehn Punkte, in denen „Gewalt und Krieg im
Namen Gottes“ scharf verurteilt werden und sich die Religionen zum Einsatz für
den Frieden und zur Solidarität mit den Ärmsten in der Welt verpflichten. Der
Papst schickte diese Urkunde des Friedenswillens bald darauf an alle Regierungen
der Erde.
Nur in der Nacht sind alle Katzen
grau
Manche Katholiken,
die sich selbst als „glaubenstreu“ bezeichnen, waren besorgt, der Papst
verwische durch solche Aktionen die Unterschiede zwischen den Religionen und
leiste einem weitverbreiteten Indifferentismus (=
Weltanschauungs-Wischiwaschi) oder gar dem Synkretismus (=
Religions-Mischmasch) Vorschub. Doch der Papst weiß, was er tut. Ihm ist klar:
Niemand ist vor der Versuchung zur Nivellierung besser gefeit als derjenige, der
anderen Religionen mit Respekt und Interesse begegnet.
Desinteresse macht oberflächlich, Interesse hingegen scharfsichtig. Wem Autos
gleichgültig sind, den werden die Unterschiede zwischen einzelnen Marken und
Typen nicht sehr beschäftigen, sondern er wird sagen: Auto ist Auto. Hingegen
kann jeder 14-Jährige, der sich für Autos begeistert, genau angeben, welcher
Wagen sich wie auszeichnet und warum dieser oder jener sein „Traumschlitten“
ist. Wer die Religionen wirklich achtet, wird sie näher kennen lernen wollen,
wird dabei viel Gemeinsames, aber gerade auch das jeweils Besondere in Ihnen
entdecken. Der Satz „Alle Religionen sind gleich“ hält dem Licht wahrer
Aufklärung nicht stand. Nur in der Nacht sind
alle Katzen grau.
Das Besondere des
Christentums
„Gott ist groß! “- So oder ähnlich
predigt man in Synagogen, Moscheen, Kirchen und Tempeln. Dass Gott unendlich
erhaben ist, dass man sich dem Göttlichen nur in Ehrfurcht anbetend bzw.
meditierend nähern kann, darin sind sich Gläubige aller Religionen einig, und
Christen teilen dankbar diese Erfahrung. Aber Christen können dabei nicht stehen
bleiben. Das Entscheidende, das Christen zu Christen macht und ihren Glauben
wesentlich von anderen Religionen unterscheidet, ist: „DAS mit Jesus aus
Nazaret“ (Lk 24,19). Auf den Punkt gebracht: Der ewige und erhabene Gott ist ein
sterblicher Menschenbruder geworden! Juden und Muslime würden in ihren Aussagen
über Gott niemals so weit gehen. Aber Christen und Christinnen dürfen und müssen
es sagen: Gott kennt das Menschsein aus eigener Erfahrung. Er hat in
Jesus ein echtes Menschenleben durchlebt und "durchliebt", auch die dunklen
Seiten unserer Existenz: Angst, Einsamkeit, Ohnmacht, Leiden, Sterben und - so
paradox es klingen mag - sogar die Gottverlassenheit. "Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?" In diesem Schrei Jesu am Kreuz sammelt sich alle
Bitterkeit der Welt. Kein Leid bleibt draußen, jede Not findet Platz im Herzen
Gottes und trifft dort auf die Kraft dessen, „der die Toten auferweckt“ (2 Kor
1,9).
Die Moral von der Geschichte
Die Geschichte des Jesus von Nazaret
hat auch ethische Folgen: Wenn Gott Bruder jedes Menschen geworden ist, gehört
die Liebe zum Mitmenschen, ja auch die zum Feind, wesentlich zum Gottesglauben.
Freilich haben Christenmenschen in den letzten 2000 Jahren darin oft versagt.
Aber es geschah und geschieht auch unermesslich viel Gutes durch überzeugte
christliche Frauen und Männer. Eine Mutter Teresa wird auch von Hindus wie eine
Heilige verehrt, und der Dalai Lama meint, der Buddhismus könne in der tätigen
Nächstenliebe viel vom Christentum lernen.
"Mission Impossible"?
Wer bei einem Bildungswerkvortrag
sagt, die Religionen sollten voneinander lernen, erntet durchwegs kräftiges
Kopfnicken. Meist wird gemeint, Christen sollten von Gläubigen anderer
Religionen lernen. Ein Prozess, der wichtig und auch schon lange im Gange ist.
Charles de Foucauld (+1916) entdeckte, als er in Marokko Muslime ihr Gebet
verrichten sah, neu die Ehrfurcht vor Gottes Größe. Er wurde später katholischer
Priester, und seine Spiritualität
bewegt heute noch viele. Der Jesuitenpater Hugo Lassalle (+1990) fand in Japan
bei Meistern des Zen-Buddhismus
wertvolle Inspiration für die christliche Spiritualität. Das Motto
„Voneinander lernen“ beinhaltet aber auch, dass Nichtchristen etwas vom
Christentum lernen dürfen. Dialog und Mission sind kein Widerspruch, wenn sich
Mission im Sinne des letzten Konzils freihält von jeder Gewalt und
Zwangsbeglückung. Christlicher Glaube bezeugt: Gott hat uns in Jesus Christus
alles geschenkt, was wir brauchen, um sinnvoll leben, lieben und sterben zu
können. Diese Glaubens- und Lebenserfahrung auch anderen engagiert und mit
großem Respekt vor ihrer Freiheit anzubieten, ist Mission – mission, possible and fair.
Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger