Wer ist Jesus von Nazaret?
Eine Märchengestalt? Ein skurriler Wunderrabbi? Der Messias? Gottes Sohn? Was ist das Besondere an ihm?


Christus-Ikone, noch vor 550 n. Chr. gemalt, Sinai-Kloster

 

Märchenfigur?
Jesus von Nazaret hat wirklich gelebt. Das bezweifelt heute kein ernst zu nehmender Historiker mehr. Zu den sicheren Fakten gehören: Jesus wird irgendwann zwischen 7 und 4 vor unserer Zeitrechnung geboren, wächst in Galiläa auf, arbeitet als Zimmermann, ist über 30 Jahre alt, als er an die Öffentlichkeit tritt, sammelt eine Jüngerschaft aus Männern und Frauen um sich und gerät durch unkonventionelle Worte und Taten in Konflikt mit der religiösen Obrigkeit seines Volkes. Er wird vom römischen Gouverneur Pontius Pilatus wegen Rebellion zum Tod verurteilt und stirbt - vermutlich am 15. Nisan (7. April) 30 n. Chr. - vor den Mauern Jerusalems den Verbrechertod am Kreuz. Aber darin liegt nicht das Besondere des Jesus von Nazaret. Auch andere mussten ähnliche Schicksale erleiden. Rom kreuzigte viele.

Wunderrabbi?
Und die Wunder? Sind sie das Besondere? Dass Jesus psychisch Zerrüttete ("Besessene") und körperlich Kranke geheilt hat, gilt als historisch sicher. Auch andere "Wunderzeichen" werden von ihm überliefert, vor allem in den christlichen Evangelien. Indirekt wird das auch von der jüdischen Tradition bestätigt; so steht im babylonischen Talmud  über Jesus: "Er hat Zauberei getrieben." (Sanhedrin, 43a) Aber gibt es nicht viele Wundertäter? Heilige aller Religionen, Schamanen und Fakire, ja auch Sektierer aller Art wirken Unerklärbares. Darf man sie alle als Betrüger abtun? Wir wissen nicht zuletzt durch die parapsychologische Forschung, dass es sonderbare Phänomene gibt. Interessant ist freilich, dass Jesus selbst seinen Wundern keine übergroße Bedeutung beimisst. "Schauwunder" lehnt er überhaupt ab (vgl. Markus 8,11-13; Lukas 23,8-11). Er weiß: Wunder sind keine Beweise für die Wahrheit (vgl. Matthäus 7,22f). Es gibt ihrer zu viele.

Verwegene Botschaft?
Nicht seine Wunder, seine Botschaft hält Jesus für besonders wichtig und einmalig. Dafür weiß er sich gesendet, dafür lebt er und dafür ist er auch bereit zu sterben. Die Wunder sollen sein Anliegen "nur" verdeutlichen und bis in das Körperliche hinein spürbar machen. Die Botschaft, um die es Jesus dabei geht, lässt sich kurz so wiedergeben:

"Das Reich Gottes ist nahe!" (Markus 1,15) Das heißt: Gott setzt sich mit seiner Liebe gegen alle dunklen Mächte durch! Keine Schuld ist ihm zu groß und keine Krankheit zu mächtig. Seine Liebe entmachtet sogar den Tod. Gott darf "Abba" (zärtlich liebender Vater) genannt werden. Bei ihm ist jeder Mensch gefragt, auch der letzte und schäbigste. Gott sucht ihn und will sich mit ihm verbünden - endgültig, jetzt, durch MICH! Nützt die Chance! Wenn ich Prostituierte und Zöllner an meinen Tisch rufe, lädt Gott selbst ein. Wenn ich heile, heilt Gott. Wenn ich Sünden vergebe, verzeiht Gott. Wenn ich zur Feindesliebe aufrufe, dann ist das Gottes Wille. Prägnant wird im Johannes-Evangelium der hohe Anspruch Jesu zusammengefasst."Ich und der Vater sind eins!" (10,30)

Eins mit Gott?
"Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig." (Matthäus 10,37) Ein provokantes Wort. Ein hartes Wort. Kein Prophet darf so reden. Wer außer Gott selbst hätte das Recht zu sagen, die Beziehung zu ihm sei wichtiger als jede noch so fundamentale menschliche Liebe? Soll sich ausgerechnet an Jesus entscheiden, wie man es mit Gott hält? Wenn Jesus tatsächlich solches behauptet, dann ...

Bitteres Ende?
Kein Wunder, dass man ihn für einen Gotteslästerer hält (vgl. Markus 2,7; Johannes 10,33) und schließlich seinen Tod will. Doch Jesus beibt seinem Auftrag treu. Und seine Jünger? Als sie sehen, dass ihm der Prozess gemacht wird, werden sie feige und laufen davon. Zu gut kennen sie die damals geltende Überzeugung: "Wer am Kreuz endet, ist ein von Gott Verfluchter!" Ihr Meister kann demnach nur ein Betrüger, bestenfalls ein frommer Narr sein.

Überraschung!
Aber dann geschieht etwas Überraschendes. Sehr bald nach dem Tod Jesu machen die verängstigten Jünger und Jüngerinnen eine umstürzende Erfahrung. Anfangs wagen sie gar nicht, mit Fremden darüber zu reden. Zu verrückt klingt die Sache. Nach 50 Tagen - so erzählt Lukas in seiner Apostelgeschichte - tun sie es doch: "Dieser Jesus, der gekreuzigt worden ist, lebt! Er ist auferstanden!" Sein Tod war nicht sinnlos. Das heißt: Gott hat Jesus nicht verflucht und verlassen, sondern ist mit dem Gekreuzigten in die letzten Abgründe des Menschseins "hinabgestiegen": in die Verworfenheit, die Ohnmacht, die Angst, die Sünde, den Tod. Gott "durchleidet" und "durchliebt" in Jesus alle Dunkelheiten seiner Geschöpfe, um ihnen Licht und Leben zu bringen. In Jesus zeigt Gott sein wahres Gesicht.

Immer klarer
Den Jüngern und Jüngerinnen wird immer klarer: Im Gekreuzigten und Auferstandenen treffen die Menschen auf die Liebe Gottes, die auch die Dunkelheiten ihres Lebens mitleidet und in ein "Osterfest" verwandeln kann. Als Juden und Jüdinnen nennen sie Jesus deshalb Messias (= griechisch Christus) - das ist der jüdische Name für den erwarteten Bringer des Heiles - , aber auch Sohn Gottes, Wort Gottes, Bild Gottes. Ja noch kühner, sie sagen zu ihm: "Mein Herr und mein Gott!" (Johannes 20,28). So rufen fromme Juden nur Jahwe-Gott an. Die Jüngerinnen und Jünger sind überzeugt: Unser Jesus gehört untrennbar zu Jahwe-Gott; er ist aus Gott nicht mehr wegzudenken; er gehört zum Wesen Gottes. In Jesus zeigt Gott sein wahres Gesicht. Er ist Gottes Herz - offen für alle Menschen.

Noch immer
Seit den Tagen der Apostel ist die Rede von diesem Jesus nie mehr verstummt. Bis heute ist sein Geist vielfältig am Werk, innerhalb und außerhalb der christlichen Kirchen. Und unzählige Menschen finden in ihm das, was sie brauchen, um sinnvoll leben, lieben und sterben zu können.


Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger