Heiligenverehrung
aus der Sicht eines katholischen Christen


Die Katholischen ...
"Die Katholischen beten die Heiligen an!" Dieser alte protestantische Vorwurf hält sich hartnäckig und findet sich sogar noch auf modernen Internetseiten. Begründet wird er meist so: Katholische Christen verehren die Heiligen, stellen in ihren Kirchen Bilder auf und verrichten Gebete davor. Diese Praxis ähnle der heidnischen Vielgötterei und sei eine Missachtung der Einzigkeit Gottes. 
Ein ziemlich starker Vorwurf, der aus katholischer Sicht auf argen Missverständnissen beruht.

Was ist Anbetung? Was ist Verehrung?
Für mich als katholischen Christen besteht ein himmelhoher Unterschied zwischen Anbetung und Verehrung. Anbetung gebührt nur Gott allein. Denn jemanden anbeten heißt, ihn als Gott anerkennen! Aber Ehrfurcht und Verehrung bringe ich auch Menschen entgegen. Ich verehre z. B. meine Frau, habe ein Bild von ihr im Büro aufgestellt und halte es in Ehren, ich bitte meine Frau auch um ihr Gebet in verschiedenen Anliegen, aber niemals würde ich sie anbeten! (Ich mag auch den gedankenlosen Ausdruck "Angebetete" für eine geliebte Frau nicht!) Und meine Frau hindert mich überhaupt nicht daran, Gott zu vertrauen, sie ermuntert mich vielmehr dazu und unterstützt meinen Glaubensweg.

Das Evangelium ist nicht nur Papier
Ähnlich wie von meiner Frau weiß ich mich auch von anderen lieben Menschen unterstützt, die mir Begleiter/innen im Glauben sind und die ich verehre. Darunter sind auch viele, die ihr irdisches Leben bereits vollendet haben und traditionell als "Heilige" bezeichnet werden: Maria, Paulus, Franziskus, Johannes XXIII. ... Diese Menschen verstellen mir den Weg zu Gott nicht, vielmehr weiß ich mich angesprochen: "Schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!" (Hebräer 13,7). Sie sind der bestmögliche Beweis dafür, dass das Evangelium nicht nur geschrieben und verkündet, sondern zu allen Zeiten auch tatsächlich gelebt worden ist. Daran wollen auch die Heiligenbilder in katholischen und orthodoxen Kirchen erinnern.


Die Kirche als "Braut des Lammes", umgeben
von Aposteln und Heiligen
(romanische Fresken um 1240
in St. Georgen ob Judenburg)

Mit den Heiligen kommunizieren?
"Nun gut" , werden manche evangelische Mitchristen sagen, "Heilige mögen ehrenwerte Vorbilder sein, aber darf man sie um Hilfe anrufen? Das geht doch zu weit!" Um das zu klären, fängt man am besten schlicht bei der Bibel an. Klar bezeugt sie, dass ein gläubiger Mensch seine Glaubensgeschwister um ihr Gebet bitten darf. So schreibt Paulus an die Christen von Rom: "Ich bitte euch, meine Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn, und bei der Liebe des Geistes: Steht mir bei, und betet für mich zu Gott ...!" (Römer 15,30). Umgekehrt betet Paulus oft für seine Gemeinden. Fürbitte gehört zum Wesen christlicher Liebe. Wir dürfen daraus schließen, dass auch der Tod dieses Für-andere-da-Sein nicht zerstören kann. Denn: "Die Liebe hört niemals auf!" (1 Korinther 13,8). Die in die Ewigkeit Vorausgegangenen bleiben wirklich Liebende, die weiterhin für ihre bedrängten Brüder und Schwestern auf Erden da sein wollen - nicht aus eigener Kraft, aber fürbittend. 
Zur großen Gemeinschaft Gottes gehören nicht nur die Gläubigen, die noch auf Erden leben, sondern - wie der Hebräerbrief es etwas ungewohnt ausdrückt - auch "die Geister der schon vollendeten Gerechten" (Hebräer 12,23) im Himmel. Da eine Gemeinschaft ohne Kommunikation keine Gemeinschaft wäre, muss zwischen uns und diesen "Gerechten" im Himmel auch irgendeine Kommunikation möglich sein.

Graffito um 250 n. Chr. in S. Sebastiano, Rom

  Vulgärlateinische Kritzelei aus der Zeit um 250 nach Christus in S. Sebastiano, Rom. Die zwei Apostel Roms werden von Gläubigen um ihre Fürsprache gebeten:
"Paule ed Petre petite pro Victore" -
"Paulus und Petrus, bittet für Viktor!"
 

Schon früh
Im Gebetsschatz der Bibel werden die Engel manchmal direkt angeredet (z.B. in Psalm 29,1f: "Ihr Himmlischen, ...werft euch nieder vor dem Herrn!"). Warum soll man sich dann nicht auch direkt an die Heiligen im Himmel wenden dürfen? Alte Graffiti bezeugen jedenfalls, dass die Christen schon sehr früh mit großer Selbstverständlichkeit die Apostel und Märtyrer um ihre Fürbitte anrufen. Sie bedienen sich dabei nicht skurriler spiritistischer Praktiken - solche lehnen sie auf Grund des Alten Testamentes (vgl. Deuteronomium 18,10-12) strikt ab -, sondern ganz schlichter Worte und Gedanken. Und sie sind gewiss, dass die Heiligen ihnen nahe sind, sie hören und verstehen können, weil Gottes Geist dies möglich macht.

Konkurrenz für Christus?
"Wird da die zentrale Stellung Christi nicht geschmälert? Er ist doch der einzige Mittler zu Gott!", fragt der Protestant vielleicht besorgt weiter. Katholische und orthodoxe Christen/Christinnen sehen darin meist kein wirkliches Problem. Für sie ist klar: Christus ist der wahre Weinstock, die Gläubigen auf Erden und die Heiligen im Himmel sind allesamt nur Reben an diesem großen Weinstock. Ein wunderbares Miteinander und Füreinander in Christus. Alles, was wir Menschen in Liebe füreinander tun und erbitten können, geschieht immer mit Christus, in Christus und durch Christus. Niemals neben oder außer Christus! "Denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun." (Johannes 15,5) In diesem Sinn kann das bewusste Hinschauen auf die Heiligen die einzigartige Mittlerschaft Christi (das "solus Christus") gar nie schmälern, sondern legt vielmhr dafür Zeugnis ab, wie lebendig und fruchtbar der eine Weinstock Christus in seinen verschiedenen Reben ist.

Nicht verpflichtend
Die katholische Kirche verpflichtet ihre Gläubigen nicht zur Heiligenverehrung. Sie weiß auch um bedenkliche Auswüchse und warnt vor Missbräuchen. Aber Missbräuche heben den rechten Gebrauch nicht auf. (Man wird ja auch die Bibel nicht abschaffen, nur weil sie oft missbraucht worden ist.) So hat die katholische Kirche auf dem Konzil von Trient (1545-1563) trotz massiver protestantischer Kritik, die in vielem auch heilsam war, an der altchristlichen Praxis festgehalten und erklärt, dass es "gut und nützlich" sei, die Heiligen "anzurufen, um von Gott Wohltaten zu erlangen durch seinen Sohn Jesus Christus, unsern Herrn, der allein unser Erlöser und Heiland ist." (H. Denzinger, Enchirideon symbolorum, Nr.1821)


Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger