10 Gebote: Es geht um
Freiheit
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Kein Diktat
Gottes Es gibt verschiedene Kurzfassungen der Zehn Gebote, vor allem zum Zweck der Katechese, also der leichteren Verständlichkeit und Merkbarkeit. Schon in der Bibel selbst finden wir zwei Texte, die (leicht) voneinander abweichen: Exodus 20,2-17 und Deuteronomium 5,6-21. Wir folgen hier dem Exodus-Text. Er dürfte in seiner jetzigen Gestalt - so sagen Bibelwissenschaftler - aus dem 7. Jahrhundert vor Christus stammen. Die Tatsache, dass es schon in der Bibel zwei verschiedene Fassungen der Zehn Gebote gibt, macht deutlich, dass es der Bibel nicht um Wortwörtlichkeit , sondern um die angegebene Sinnrichtung geht. Inspiration bedeutet nicht wörtliches Diktat Gottes, sondern: Gotteswort in Menschenwort. In der Nummerierung der Gebote folgen wir der katholischen und lutherischen Zählweise. Ursprüngliche
Adressaten Der Schutz der Frauen, Kinder, Sklaven, Nichtisraeliten usw. kommt in anderen Bibelstellen besser zur Geltung (z. B. bei den Propheten). Freilich ist es legitim, ja sogar sinnvoll, auch die Zehn Gebote (von ihrem Grundanliegen her) auf den Schutz aller Menschen hin zu öffnen. Das geschieht dann ja auch im Lauf der jüdischen und christlichen Geschichte. Die Einsicht wächst: Gott liegt nicht nur die Freiheit des freien Israeliten, sondern die Freiheit jedes Menschen am Herzen! |
Exodus 20, 2-17 (Einheitsübersetzung)
"Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus"
(1) Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.
(2) Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.
(3) Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.
(4) Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.
(5) Du sollst nicht morden.
(6) Du sollst nicht die Ehe brechen.
(7) Du sollst nicht stehlen.
(8) Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
(9) Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen.
(10) Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgend etwas, das deinem Nächsten gehört.
Erklärung zu Vorspruch und
Weisungen
Vorspruch: Gott stellt
sich mit Namen vor: JHWH
(Jahwe; falsche, mittelalterliche Aussprache: Jehova) = Ich bin da. Er ist keine
anonyme göttliche Macht, sondern ein persönlicher Gott, ein DU. Er ist der
Befreier aus der Knechtschaft und möchte, dass das Volk die gewonnene Freiheit
bewahrt. Nicht Zwang, sondern Freiheit ist der Sinn seiner Gebote.
Manche
Theologen betonen, dass es im Hebräischen kein "Du sollst", sondern nur ein "Du
wirst" gibt (z.B. Du wirst nicht stehlen. - Warum nicht? Weil
du selbst davon überzeugt bist, nicht weil es dir von außen
befohlen worden ist.) Eine grammatikalische Tatsache wird theologisch
gedeutet.
(1) JHWH allein ist der Garant der
Freiheit. Verbot fremder Kulte (z.B. Fruchtbarkeitsgötter - Kindesopfer), da
Abfall von Gott in die Sklaverei führt. Auch heute? Moderne Götzen?
JHWH ist ein freier
Gott, durch kein (Kult-)Bild einzufangen und festzuhalten. Gott selbst kann
nicht dargestellt werden. Wir Christen und Christinnen sollten das wieder
ernster nehmen. (Jesus, da er auch Mensch ist, und die Heiligen können
dargestellt werden.)
(2) Verbot
jeder Manipulation mit dem Gottesnamen (Zauberei, Meineid, Fluch, falsche
Prophetie). Gott will nicht Komplize des Unrechts sein, nicht für trügerische
und egoistische Interessen eingespannt werden. Was geschah und geschieht nicht
alles "im Namen Gottes"?!
(3) Zachor ät-jom haschabbat ...!
"schabbat" = "aufhören, ruhen", aufhören mit dem Arbeiten (wörtlich: mit dem
"ebed" = "wie ein Knecht handeln"). Gott will, dass die Freiheit gelebt,
genossen, regelmäßig praktiziert wird. Wer nur "schuftet", wird sich selbst zum
Schuft, hört auf, ein freier Mensch zu sein!
(4) Kabbed ät abicha we ät immächa
...! Dieses Gebot richtet sich an Erwachsene, nicht an
kleine Kinder! "Ehren der alten Eltern" bedeutet im Alten Orient: Kleidung und
Nahrung bis zum Tod und ein würdiges Begräbnis. Verlust der Leistungskraft soll
nicht Verlust der Freiheit bedeuten. "kabbed" (=ehren) ist das Zeitwort von
"kabod" (=Gewicht, Wichtigkeit, Würde; vgl. das lateinische gravitas -
Gravität)! - "Mein Sohn, wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an, und
betrübe ihn nicht, solange er lebt. Wenn sein Verstand abnimmt, sieh es ihm
nach, und beschäme ihn nicht in deiner Vollkraft!" (Sir 3,12f)
(5) Lo
tirsach! Das hebräische
"rasach" (töten) meint ursprünglich nur ungesetzliches, willkürliches
Töten (also nicht Krieg, Todesstrafe usw.). Elementare Lebenssicherung unter
Nachbarn! Später hat man dann alles, was sich gegen das menschliche Leben
richtet, hier mitgesehen (heute auch: Krieg, Euthanasie, Abtreibung usw.)
(6) Lo tinaph!
Polygamie war noch legitime Praxis, Frau noch Besitz des Mannes,
Scheidung tora-gemäß. Hier ging es auch nicht primär um ein sexuelles Verbot,
sondern um den Schutz der Ehe des Nachbarn: Legitimität seiner Nachkommenschaft,
damit auch seine Altersversorgung. Familie war die Lebensgrundlage
schlechthin! Diese Basis durfte nicht gefährdet werden! - Unser "Ehe-Ideal"
sieht anders aus. Wie schützen wir unsere Familien?
(7) Lo tignob! Besitz war
materielle und rechtliche Grundlage für die Freiheit. Wer seinen Besitz verlor,
musste in die Sklaverei. Vom hebräischen "ganab" (stehlen) leitet sich übrigens
unser "Ganove" her. Aktualisierung des Gebotes: Jede/r muss das erhalten, was er
für ein menschenwürdiges Leben braucht (vgl. Thema Entschuldung armer
Länder).
(8) Es soll
verhindert werden, dass der falsche Zeuge bei Gericht seinen Nächsten um die
Basis seiner Freiheit bringt (Verlust des Lebens, des Besitzes, des guten
Rufes). Will man ein gutes Zusammenleben, darf die Rechtsprechung nicht
missbraucht werden!
(9/10) Lo tachmod ... ! Es geht nicht um
bloße "Gedankensünden". Das hebräische Wort für "chamad" (begehren) heißt auch
"auf etwas aus sein". Verboten sind alle Machenschaften (auch legale!), den
Nächsten um Frau und Besitz zu bringen (z.B. Problem der Schuldsklaverei). Auch
heute aktuell?
Das bleibende
Anliegen
Die Zehn Gebote umfassen ursprünglich nicht alle
Lebensbereiche des Menschen. Erst später haben Judentum und Christentum
versucht, die ganze Moral hier "unterzubringen" (Beichtspiegel,
Katechismus).
Das Anliegen der Zehn Gebote, die gottgewollte Freiheit des
Menschen, ist aber zeitlos, besser: zu jeder Zeit aktuell und findet sich
in anderer (und ergänzender Weise) in der Predigt der Propheten und in der
Botschaft Jesu (Gleichnisse, Bergpredigt, "Neues Gebot").
"Hättest du doch auf meine Gebote geachtet!
Dein Glück
wäre wie ein Strom und dein Heil wie die Wogen des Meeres." (Jesaja
48,18)
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Bleibt
daher fest und lasst euch nicht von Neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!
(Galater 5,1)
Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger