
Meine Damen und meine Herren! Das Werden des neuen Deutschlands hat sich nach
den langen Verhandlungen im Parlamentarischen Rat und den Wahlen zum Bundestag
am 14. August mit großer Schnelligkeit vollzogen. Am 7. September haben sich der
Bundestag und der Bundesrat konstituiert; am 12. September hat der Bundestag den
Bundespräsidenten gewählt, am 15. September den Bundeskanzler. Der
Bundespräsident hat mich daraufhin am gleichen Tage zum Bundeskanzler ernannt.
Heute, am 20. September, hat er auf meinen Vorschlag die Bundesminister ernannt.
Mit der Konstituierung der Bundesregierung, die am heutigen Tage erfolgt
ist, ist auch das Besatzungsstatut in Kraft getreten. Wenn auch die
Zuständigkeit des Bundestags und der Bundesregierung durch das Besatzungsstatut
beschränkt ist, so darf uns doch diese Entwicklung, dieses Werden des deutschen
Kernstaates mit Freude erfüllen.
Der Fortschritt gegenüber den
Verhältnissen, die seit I945 bei uns bestanden, auch gegenüber den Zuständen des
nationalsozialistischen Reichs, ist groß. Zwar müssen wir uns immer bewußt sein,
daß Deutschland und das deutsche Volk noch nicht frei sind, daß es noch nicht
gleichberechtigt neben den anderen Völkern steht, daß es - und das ist besonders
schmerzlich - in zwei Teile zerrissen ist. Aber wir erfreuen uns doch einer
wenigstens relativen staatlichen Freiheit. Unsere Wirtschaft ist im Aufstieg.
Wir haben vor allem aber wieder den Schutz der Persönlichkeitsrechte. Niemand
kann bei uns, wie das im nationalsozialistischen Reich der Fall war und wie es
jetzt noch in weiten Teilen Deutschlands, in der Ostzone, zu unserem Bedauern
der Fall ist, durch Geheime Staatspolizei oder ähnliche Einrichtungen der
Freiheit und des Lebens beraubt werden. Diese Güter: Rechtsschutz, Schutz der
persönlichen Freiheit, die wir lange Jahre nicht besaßen, sind so kostbar, daß
wir trotz allem, was uns noch fehlt, uns darüber freuen müssen, daß wir diese
Persönlichkeitsrechte wieder besitzen.
Meine Wahl zum Bundeskanzler, meine
Damen und Herren, und die Regierungsbildung sind eine logische Konsequenz der
politischen Verhältnisse, wie sie sich in der Bizone infolge der Politik des
Frankfurter Wirtschaftsrats herausgebildet hatten. Die Politik des Frankfurter
Wirtschaftsrats, die Frage "Soziale Marktwirtschaft" oder "Planwirtschaft" hat
so stark unsere ganzen Verhältnisse beherrscht, daß eine Abkehr von dem Programm
der Mehrheit des Frankfurter Wirtschaftsrats unmöglich war. Die Frage:
"Planwirtschaft" oder "Soziale Marktwirtschaft" hat im Wahlkampf eine
überragende Rolle gespielt. Das deutsche Volk hat sich mit großer Mehrheit gegen
die Planwirtschaft ausgesprochen. Eine Koalition zwischen den Parteien, die die
Planwirtschaft verworfen, und denjenigen, die sie bejaht haben, würde dem Willen
der Mehrheit der Wähler geradezu entgegengerichtet gewesen sein. Der Wähler
hätte mit Recht im Falle einer Koalition zwischen diesen Parteien gefragt, ob
denn dann Wahlen überhaupt nötig gewesen wären. Der demokratische Gedanke, die
Überzeugung von der Notwendigkeit der parlamentarischen Demokratie, hätte in den
weitesten Kreisen der Wähler, namentlich auch der Wähler der jüngeren
Generation, schwersten Schaden gelitten, wenn eine Regierungsbildung erfolgt
wäre, die dem Sinn und dem Ergebnis dieser Wahl nicht entsprochen hätte. Es ist
darum abwegig und undemokratisch, diejenigen Parteien, die sich hier im Hause
zur Bildung einer Regierung und zu gemeinsamer Arbeit zusammengeschlossen haben,
deshalb mit irgendwelchen tadelnden Worten zu belegen. Ebenso abwegig ist es,
der Sozialdemokratischen Partei Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht bereit
gefunden hat zu einer sogenannten großen Koalition. Man konnte weder von der
einen noch von der anderen Seite verlangen, daß sie, nachdem sie fast zwei Jahre
in Frankfurt ihre Prinzipien verfochten hatten, nachdem die Wähler, zum
Schiedsrichter aufgerufen, ihr Urteil gesprochen hatten, nunmehr alles das mehr
oder weniger verleugneten, was sie bisher dem Volk als richtig dargestellt
hatten.
Ich halte daher aus allgemeinen staatspolitischen Erwägungen heraus
diese Entwicklung für richtig. Ich bin nicht der Auffassung, daß es den
Interessen der Gesamtbevölkerung, den Interessen Deutschlands besser gedient
hätte, wenn man etwa eine Koalition zwischen CDU/CSU und der
Sozialdemokratischen Partei eingegangen wäre. Ich bin der Auffassung, daß die
Opposition eine Staatsnotwendigkeit ist, daß sie eine staatspolitische Aufgabe
zu erfüllen hat, daß nur dadurch, daß Regierungsmehrheit und Opposition einander
gegenüberstehen, ein wirklicher Fortschritt und eine Gewöhnung an demokratisches
Denken zu erzielen ist. Ich bin weiter der Auffassung: bei den labilen
Verhältnissen, wie sie in Deutschland herrschen, ist es viel richtiger, wenn die
immer vorhandene Opposition sich klar im Parlament selbst zeigt, als wenn sie,
da infolge einer großen Koalition im Parlament keine wesentliche Opposition
hätte ausgeübt werden können, außerhalb des Parlaments in nicht kontrollierbarer
Weise um sich greift.
Ich habe dem Herrn Bundespräsidenten die Ernennung von 13 Bundesministern
vorgeschlagen. Ich bin mir bewußt, daß manchem diese Zahl auf den ersten Blick
groß erscheinen wird. Demgegenüber weise ich darauf hin, daß in unsern Zeiten
Aufgaben, die der staatlichen Arbeit bedürfen, entweder ganz neu entstanden sind
- ich weise hier auf die Frage der Vertriebenen hin - oder daß staatliche
Aufgaben einen solchen Umfang angenommen haben, daß sie den Rahmen der üblichen
Ministerien sprengen würden. Ich nenne hier die Frage der Wohnungswirtschaft und
des Wohnungsbaus. So sind mehrere der Bundesministerien zeitbedingt, daß heißt:
wenn sie ihre Aufgabe erfüllt oder aber wenn ihre Aufgaben wieder einen normalen
Umfang angenommen haben, werden sie wieder verschwinden, während die sogenannten
klassischen Ministerien, wie das Ministerium des Innern, der Finanzen, der
Justiz, der Arbeit usw., ständig bleiben werden.
Wenn man die Zahl der
Bundesministerien unter Würdigung dieser Gesichtspunkte betrachtet, wird man
berechtigterweise nicht die Behauptung aufstellen können, daß ihre Zahl zu groß
sei. Die Hauptsache ist, daß der ministerielle Apparat im ganzen möglichst klein
gehalten wird, daß die Ministerien von all den Verwaltungsaufgaben befreit
bleiben, die nicht in die ministerielle Instanz gehören. Dadurch werden die
nötige Übersicht, die Arbeitsfähigkeit der Ministerien gewährleistet,
Verwaltungskosten gespart, und die Bundesminister werden vor allem Zeit haben,
ihre wichtigsten Aufgaben, die Koordinierung der verschiedenen von ihnen
wahrzunehmenden Interessen und die Wahrung der großen politischen Linien zu
erfüllen.
Unter den Bundesministerien befindet sich ein Ministerium, das die
besondere Aufgabe hat, für die Wahrung der engen Verbindung mit dem Bundesrat
Sorge zu tragen. Ich bitte, in der Errichtung dieses Ministeriums den ernsten
Willen der Bundesregierung zu sehen, den föderativen Charakter des Grundgesetzes
sicherzustellen, die Rechte der Länder zu wahren und die Arbeit des Bundesrats
so mit der Tätigkeit des Bundestags und der Bundesregierung in Einklang zu
bringen, daß ein harmonisches Zusammenarbeiten gewährleistet ist.
Unter den
Bundesministerien fehlt ein Außenministerium. Ich habe auch nicht den an mich
herangetragenen Wünschen stattgegeben, ein Ministerium für zwischenstaatliche
Beziehungen einzurichten. Ich habe das deshalb nicht getan, weil nach dem
Besatzungsstatut die auswärtigen Angelegenheiten unter Einschluß internationaler
Abkommen, die von Deutschland oder im Namen Deutschlands abgeschlossen werden,
Sache der Alliierten Hohen Kommission für die drei Zonen sind. Wenn wir demnach
auch kein Ministerium des Auswärtigen haben, so bedeutet das keineswegs, daß wir
damit auf jede Betätigung auf diesem Gebiete Verzicht leisten. Das Paradoxe
unserer Lage ist ja, daß, obgleich die auswärtigen Angelegenheiten Deutschlands
von der Hohen Alliierten Kommission wahrgenommen werden, jede Tätigkeit der
Bundesregierung oder des Bundesparlaments auch in inneren Angelegenheiten
Deutschlands irgendwie eine ausländische Beziehung in sich schließt. Deutschland
ist infolge Besatzung, Ruhrstatut, Marshall-Plan usw. enger mit dem Ausland
verflochten als jemals zuvor. Diese Angelegenheiten werden in einem im
Bundeskanzleramt zu errichtenden Staatssekretariat zusammengefaßt werden. Davon
abgesehen glaube ich, daß die Hohen Kommissare infolge der großen Verantwortung,
die sie tragen, keine wichtige Entscheidung in deutschen ausländischen
Angelegenheiten treffen werden, ohne mit der Bundesregierung vorher Fühlung
genommen zu haben. Die Erfahrung, die ich in den wenigen Tagen meiner
Amtstätigkeit gemacht habe, berechtigt mich durchaus zu dieser Annahme.
Auf die Bundesregierung und den Bundestag, meine Damen und Herren, wartet
eine außerordentlich große und umfangreiche gesetzgeberische Arbeit. Auf dem
Zuständigkeitsgebiet des Bundes müssen die in den elf Ländern ergangenen Gesetze
daraufhin nachgeprüft werden, ob in ihnen gleiches Recht auf diesen Gebieten
besteht. Weiter werden Gesetze und Verordnungen, die bisher nur in der Bizone
galten, auf die bisherige französische Zone ausgedehnt werden müssen; es werden
weiter die bisher von seiten der verschiedenen Militärregierungen ergangenen
Gesetze und Verordnungen auf den Gebieten, die jetzt der Zuständigkeit des
Bundes unterstehen, überprüft und eventuell mit Zustimmung der Hohen Kommission
den heutigen staatlichen Zuständen, wie sie sich aus Grundgesetz und
Besatzungsstatut ergeben, angepaßt werden. Es werden schließlich die Gesetze
erlassen werden müssen, deren Erlaß das Grundgesetz vorsieht; es werden die
Gesetze, die der Wirtschaftsrat nicht mehr völlig erledigt hat, verabschiedet
werden müssen. Diese Arbeit, die namentlich auch deshalb schwierig und
umfangreich ist, weil bisher bei Erlaß von Gesetzen infolge der Eilbedürftigkeit
der Angelegenheiten oft nicht mit besonderer Genauigkeit gearbeitet worden ist,
darf nicht übereilt werden, damit wir endlich wieder zu dem kommen, was uns
sowohl in der nationalsozialistischen Zeit wie später verlorengegangen ist: zur
Klarheit, zur Sicherheit und zur Einheit des Rechts.
Es wartet aber eine
weitere sehr große Zahl von Aufgaben der Inangriffnahme durch den Bund. Eines
darf ich hier mit allem Nachdruck an die Spitze meiner Ausführungen stellen: die
Koalitionspartner sind sich völlig einig darin, daß sie sich bei ihrer ganzen
Arbeit von dem Bestreben leiten lassen werden, so sozial im wahrsten und besten
Sinne des Wortes zu handeln wie irgend möglich. Das Streben nach Linderung der
Not, nach sozialer Gerechtigkeit, wird der oberste Leitstern bei unserer
gesamten Arbeit sein.
Aus der Fülle der Aufgaben, die des Bundes harren,
lassen Sie mich einige besonders dringende und große hervorheben.
Die
Vertriebenen werden gleichmäßiger als bisher auf die verschiedenen Länder
verteilt werden müssen. Das liegt sowohl im Interesse der jetzt besonders stark
belasteten Länder, vor allem aber auch im Interesse der Vertriebenen selbst.
Die Verhältnisse auf dem Wohnungsgebiet, die die soziale und ethische
Gesundung und auch die politische Gesundung des deutschen Volkes unmöglich und
die auch das Leben der Vertriebenen Und Ausgebombten so unendlich schwer machen,
werden von uns mit ganzer Kraft einer Besserung entgegengeführt werden. Wir
wollen mit allen Mitteln den Wohnungsbau energisch fördern, nicht indem der Bund
selbst baut, sondern indem er Mittel zur Verfügung stellt und darauf dringt, daß
von den Ländern alle Möglichkeiten auf dem Gebiete des Wohnungsbaus erschöpft
werden.
Wir werden weiterhin dazu übergehen, durch entsprechende, in
vorsichtiger und nicht überstürzter Weise durchgeführte Lockerungsvorschriften
der Raumbewirtschaftung und der Mietfestsetzung das Privatkapital für den Bau
von Wohnungen wieder zu interessieren. Wenn es nicht gelingt, das Privatkapital
für den Wohnungsbau zu interessieren, ist eine Lösung des Wohnungsproblems
unmöglich. Die Bedeutung, die wir gerade diesen Fragen beilegen, zeigt sich auch
darin, daß wir ein besonderes Ministerium für sie geschaffen haben, dessen enge
Koordinierung mit dem Wirtschaftsministerium gesichert ist. Wir werden durch
diese energische Förderung der Bautätigkeit auch eine allgemeine Belebung des
Arbeitsmarktes herbeiführen.
Auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik werden wir die in Frankfurt so
erfolgreich eingeschlagene Richtung weiterverfolgen. Ich darf in diesem
Zusammenhang den leitenden Herren der bizonalen Wirtschaftsverwaltung wie allen
Beamten und Angestellten, insbesondere aber auch den Direktoren der einzelnen
Ämter den Dank der Bundesregierung für die geleistete Arbeit aussprechen. Mein
besonderer Dank gilt den leitenden Persönlichkeiten, die zur Zeit bei dem Aufbau
der Bundesregierung nicht haben eingegliedert werden können.
Bei der
Durchführung des Prinzips der sozialen Marktwirtschaft wird man sich
selbstverständlich wie auch bisher davor hüten müssen, einem starren
Doktrinarismus zu verfallen. Man wird sich, auch wie bisher, den jeweils sich
ändernden Verhältnissen anpassen müssen. Die Zwangswirtschaft werden wir überall
dort, wo wir es irgendwie verantworten können, beseitigen. Es ist in Aussicht
genommen, vom 1. Januar 1950 an die Brennstoffbewirtschaftung aufzuheben und die
Zuteilung von Hausbrand für das vierte Vierteljahr 1949, die ersten
Wintermonate, zu erhöhen.
Wir werden auf dem Gebiete der Wirtschaft durch
die Mittel des Wettbewerbs und durch die immer stärkere Einordnung der deutschen
Wirtschaft in die Weltwirtschaft systematisch die durch 15 Jahre
Zwangswirtschaft und Kriegswirtschaft entstandenen Strukturfehler der deutschen
Wirtschaft beseitigen. Unser ganzes Bestreben wird sein, möglichst wenig Hände
und Köpfe in der Verteilung und der Verwertung der wirtschaftlichen Produktion
und möglichst viele Hände und Köpfe in der gütererzeugenden Sphäre zu
beschäftigen.
Der Mangel an fachlicher Ausbildung, wie er durch die
nationalsozialistische Zeit und die Kriegszeit verursacht worden ist, wird
dadurch ausgeglichen werden müssen, daß Gelegenheit geboten wird, die fachliche
Ausbildung zu verbessern. Die deutsche Wirtschaft ist in der Vergangenheit groß
und stark geworden durch ihre Facharbeiter und nicht zuletzt durch angewandte
Wissenschaft. Die Summen, die zur Zeit in Amerika und auch in England für
wissenschaftliche Zwecke zum Nutzen der wirtschaftlichen Produktion und des
Wettbewerbes ausgegeben werden, sind ungeheuer groß. Die Bundesregierung wird,
soweit ihre finanziellen Kräfte es erlauben, dafür eintreten, daß die
wissenschaftliche Forschung in Deutschland gefördert wird. Sie wird auch die
deutsche Wirtschaft dazu veranlassen, das gleiche zu tun. Nur wenn es uns
gelingt, uns durch Leistungen auf dem Weltmarkt auszuzeichnen, wird es uns
möglich sein, auf ihm zu bestehen. Denn ein schwaches Volk, ein politisch
schwaches Volk läuft immer Gefahr, im wirtschaftlichen Wettbewerb mit andern
Völkern hintangesetzt zu werden, wenn es nicht etwas Besonderes leistet.
Der
Pflege und der Freiheit des Außenhandels gilt unsere besondere Aufmerksamkeit.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang einige Ausführungen über die Herabsetzung
des Umrechnungskurses des englischen Pfundes und die Folgen machen, die dadurch
für uns eintreten. Die Änderung des Pfundwertes wird voraussichtlich auch eine
Änderung des Umrechnungskurses der D-Mark gegenüber dem Dollar mit sich bringen.
Wir bedauern diese uns durch die internationalen Ereignisse aufgezwungene
Maßnahme um so mehr, als die innere Stabilität der D-Mark zu irgendwelchen
Manipulationen dieser Art keinerlei Anlaß bieten konnte. Die Wirtschafts- und
die Geldpolitik der letzten 15 Monate haben unsere Währung auch im Ansehen und
in der Wertung des Auslands von Tag zu Tag mehr gefestigt, so daß die jetzt
notwendig werdende Aupassung - genau wie das in anderen europäischen Ländern der
Fall sein wird - lediglich eine Folgewirkung der englischen Maßnahme ist. Ohne
eine derartige gleichgerichtete Maßnahme würde die deutsche Exportwirtschaft
ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten verlieren und damit unserem
wirtschaftlichen und sozialen Leben die Grundlage entzogen werden. Die
Bundesregierung ist entschlossen, mit den für das deutsche Geldwesen
verantwortlichen Stellen bei den zu treffenden Maßnahmen die wirtschaftlichen
und sozialen Folgewirkungen zu einem gerechten organischen Ausgleich zu bringen.
Die allenthalben angestellten Mutmaßungen über die möglichen Auswirkungen
der bevorstehenden geldpolitischen Maßnahmen gehen weit über das sachlich
berechtigte Maß hinaus. Es besteht keinerlei Grund zur Beunruhigung, da die zu
erwartenden Veränderungen auf dem Gebiete von Preisen und Löhnen im ganzen nur
zu relativ geringfügigen Verschiebungen führen werden. Gerade in dieser
Beziehung aber wird es die Regierung als vornehmste Pflicht ansehen, soziale
Ungerechtigkeiten und Spannungen zu verhüten und spekulativen Einflüssen keinen
Raum zu geben.
Die Frage der Demontage unserer industriellen Anlagen bewegt
das gesamte deutsche Volk. Es gibt wohl kaum jemanden in Deutschland, der sich
gegen die Demontage wirklich kriegswichtiger Industrien irgendwie wendet. Aber
die Vernichtung großer wirtschaftlicher Werte ist eine Angelegenheit, die man im
Ausland nicht damit abtun sollte, daß es einmal so beschlossen ist. Die letzte
Änderung der Liste der zu demontierenden Werke war zwar, rein äußerlich
betrachtet, ein großes Entgegenkommen gegenüber den deutschen Wünschen;
sachlich, der Produktionskapazität und dem Werte nach gesehen, sind aber die
deutschen Wünsche nur zu etwa 10 % erfüllt worden. Die Demontagefrage ist auch
eine Frage von großer psychologischer Bedeutung. Man versteht in den weitesten
Kreisen des deutschen Volkes nicht, daß man mit der einen Hand ihm
wirtschaftliche Hilfe gibt und mit der anderen Hand wirtschaftliche Werte
zerstört. Man glaubt im deutschen Volke, daß damit die auch von ausländischen
Staatsmännern wiederholt abgegebene Erklärung schwer zu vereinbaren ist, daß
Deutschland zum Wiederaufbau Europas notwendig ist. Zur Zeit sind die
maßgebenden Staatsmänner der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs in
Washington versammelt. Das deutsche Volk würde sich herzlich freuen, wenn diese
Zusammenkunft dazu benützt würde, um das deutsche Demontageproblem einer
Nachprüfung im Sinne einer Berücksichtigung der deutschen Wünsche zu
unterziehen. Ich glaube, wenn auch mit aller Vorsicht, sagen zu können, daß man
die Hoffnung hegen darf, daß dies in Washington geschieht.
Die
Bundesregierung wird es sich besonders am Herzen liegen lassen, den Mittelstand
in allen seinen Erscheinungsformen zu festigen und ihm zu helfen. Wir sind
durchdrungen von der Überzeugung, daß dasjenige Volk das sicherste, ruhigste und
beste Leben führen wird, das möglichst viele mittlere und kleinere unabhängige
Existenzen in sich birgt.
Die Aufgaben des Ministeriums für Landwirtschaft
und Ernährung werden in Zukunft einen andern Charakter tragen müssen als bisher.
In stärkerem Maße, als es bisher möglich war, wird die landwirtschaftliche
Produktion zu verbessern und zu veredeln sein. Wenn die deutsche Wirtschaft bis
zum Jahre 1952 eine ausgeglichene Handelsbilanz erreicht haben soll, ist es
notwendig, die landwirtschaftliche Produktion sehr erheblich zu steigern, um den
Verbrauch von Devisen für die Ernährung soweit als möglich einzuschränken.
Voraussetzung für eine rasche und anhaltende Steigerung der landwirtschaftlichen
Erzeugung ist ein weiterer Abbau der staatlichen Zwangswirtschaft und Schaffung
gesicherter und ausgeglichener Produktions- und Absatzverhältnisse für
landwirtschaftliche Erzeugnisse zu Preisen, die die Produktionskosten gut
arbeitender Durchschnittsbetriebe decken und gleichzeitig auch den
Minderbemittelten den Kauf dieser Produkte gestatten. Eine Umstellung der
Landwirtschaft zum Zwecke der Einsparung von Devisen wird, wie ich eben
ausführte, eine absolute Notwendigkeit für uns sein. Um sie herbeizuführen, ist
Aufklärung und Belehrung der landwirtschaftlichen Bevölkerung dringend
erforderlich.
Die Forstwirtschaft, meine Damen und Herren, die eine der
wichtigsten Rohstofflieferanten für die deutsche Wirtschaft ist, muß möglichst
rasch wieder zu normalen Wirtschaftsverhältnissen zurückgeführt werden. Es ist
für schnellste Aufforstung der Kahlflächen und Förderung der Holzerzeugung in
bäuerlichen Betrieben zu sorgen.
Die Finanzpolitik muß einen Teil der
allgemeinen Staatspolitik, insbesondere der Wirtschaftspolitik bilden. Die
Förderung der Kapitalbildung, und zwar sowohl der Bildung von Sparkapital wie
von Betriebskapital, wird unser vordringlichstes Ziel sein. Nur wenn wir nach
Kräften die innerdeutsche Kapitalbildung steigern, können wir erwarten, daß
durch Freigabe von Gegenwertfonds und auf andere Weise das dringend benötigte
ausländische Kapital zum Wiederaufbau unserer Wirtschaft zur Verfügung steht.
Der Wiederaufbau unserer Wirtschaft ist die vornehmste, ja einzige Grundlage
für jede Sozialpolitik und für die Eingliederung der Vertriebenen. Nur eine
blühende Wirtschaft kann die Belastungen aus dem Lastenausgleich auf die Dauer
tragen. Nur sie kann auf die Dauer das Steueraufkommen bringen, das die
Haushalte des Bundes, der Länder und der Gemeinden, die immer aus der Gesamt-
schau heraus betrachtet werden müssen, zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigen.
Eine verstärkte Kapitalbildung hängt von der Erfüllung zweier
Voraussetzungen ab: von einer Herabsetzung der Steuertarife und der
Wiedergewinnung des Vertrauens der Sparer.
Eine Herabsetzung der
Einkommensteuersätze wird nach unserer Überzeugung das Gesamtaufkommen nicht
vermindern. Die jetzigen überhöhten Steuersätze führen in der Wirtschaft zu
unwirtschaftlichem Verhalten; sie hindern die Rationalisierung der Betriebe und
damit die Preissenkung für die erzeugten Waren. Eine Senkung der
Einkommensteuersätze ist nicht nur steuerpolitisch, sondern auch
wirtschaftspolitisch absolut notwendig, und zwar mindestens auf die im Juni 1948
vom Wirtschaftsrat fast einstimmig und vom Länderrat einstimmig angenommenen
Steuersätze. Wir sind sicher, daß schon nach wenigen Übergangsmonaten das
Steueraufkommen die frühere Höhe, ja sogar eine noch größere Höhe erreichen
wird. Diese Maßnahmen sollten bereits zum 1. Januar 1950 in Kraft gesetzt
werden. Im Laufe des Jahres 1950 muß dann eine umfassende Steuerreform in die
Wege geleitet werden.
Wenn durch diese Steuersenkung die Möglichkeit einer
größeren Kapitalbildung geschaffen wird, so muß ein Anreiz dafür gegeben werden,
daß nicht der Konsum in unnötiger Weise gesteigert, sondern wirklich Kapital
gebildet wird. Dazu ist notwendig, den Altsparern das Vertrauen zur staatlichen
Gesetzgebung wiederzugeben. Das scheint mir eine staatspolitische Forderung
ersten Ranges zu sein. Die von den Alliierten erlassene Währungsreform enthält
vermeidbare soziale Härten, insbesondere in der Behandlung der Altsparer aller
Art. Die Frage, in welchem Umfange diese Mängel beseitigt werden können, bedarf
einer beschleunigten Prüfung und Erledigung.
Um das Vertrauen auch des
ausländischen Kapitals wiederzugewinnen, sollte die Blockierung des
ausländischen Vermögens in Deutschland bald aufgehoben werden. Wir werden bereit
sein, alles in unseren Kräften Stehende zu tun, um mit den seit langer Zeit
schwer geschädigten ausländischen Gläubigern ein beiderseitig tragbares
Einvernehmen zu finden.
Wir hoffen, meine Damen und Herren, daß die
zugesagte Herabsetzung der Besatzungskosten erheblich sein wird. Diese
Herabsetzung würde vom gesamten deutschen Volk dankbar begrüßt werden. Sie wird
die Grundlage geben, den Wohnungsbau und die Eingliederung der Vertriebenen
tatkräftig vorwärtszutreiben, und so die politische, soziale und wirtschaftliche
Konsolidierung Deutschlands sichern.
Wir werden bemüht sein, den endgültigen
Lastenausgleich baldigst zu verabschieden, um die Ungewißheit zu beseitigen, die
seit so langer Zeit sowohl auf den Geschädigten wie auf der zu belastenden
Wirtschaft liegt. Die gesetzliche Regelung muß sich in die allgemeine Steuer-
und Finanzreform sinnvoll einordnen. Die Kleinst- und Kleingeschädigten müssen
dabei besonders pfleglich behandelt werden.
Es wird notwendig sein, sobald
wie möglich auch die Frage der Pensionen der vertriebenen Beamten und der
ehemaligen Militärpersonen durch Bundesgesetz zu regeln. Diese Regelung kann
zwar an den namentlich in der Kriegszeit ungewöhnlich rasch erfolgten
Beförderungen der Militärpersonen nicht achtlos vorbeigehen, sie wird aber doch
die Wehrmachtbeamten und Militärpersonen so behandeln müssen, wie es recht und
billig ist.
Die Gefahren einer Deflation sind ebensogroß wie die einer
Inflation. Im jetzigen Stadium unserer Wirtschaftsentwicklung ist eine aktive
Konjunkturpolitik nötig, die sich, ohne damit irgendwie die Währung zu
gefährden, des Instrumentes der Vorfinanzierung solcher Aufgaben bedient, deren
Finanzierung, sei es aus inländischen Quellen, sei es aus Gegenwert-Fonds in
absehbarer Zeit gesichert ist.
Unsere besondere Fürsorge auf
wirtschaftlichem Gebiet gilt der Stadt Berlin. Seit der Währungsreform sind bis
zum 10. September 1949, also in rund 15 Monaten, aus dem Haushalt des
Vereinigten Wirtschaftsgebiets 414 Millionen DM an den Magistrat der Stadt
Berlin geflossen. Dazu hat Berlin aus dem GARIOA-Fonds bis zum 13. September
1949 688 Millionen DM erhalten. Die im Haushalt der bizonalen Verwaltung 1949
für die Zeit bis zum 31. Dezember 1949 eingesetzten Mittel werden schon im
Oktober erschöpft sein. Es ist unbedingt notwendig, da wir unter keinen
Umständen Berlin im Stiche lassen dürfen, beschleunigt über den Fortgang und
Umfang der Hilfsmaßnahmen für Berlin, und zwar nicht ausschließlich durch
Gewährung von finanziellen Zuschüssen, zu beraten und zu beschließen.
Ich habe schon vorher erwähnt, daß diejenigen Fraktionen, die sich hier zu
gemeinsamer Regierungsbildung und Arbeit zusammengefunden haben, es als ihre
vornehmste Pflicht betrachten, auf allen Gebieten sozial zu handeln. Auf dem
engeren Gebiet der Sozialpolitik gilt das im besonderen Maße. Die
Bundesregierung wird sich bemühen, ihre Sozialpolitik den jetzigen
Zeitverhältnissen entsprechend umzugestalten und auszugestalten. Wenn auch, wie
ich ausgeführt habe, die beste Sozialpolitik eine gesunde Wirtschaftspolitik
ist, die möglichst vielen Arbeit und Brot gibt, so wird es doch nach diesem
Kriege und dieser Not in Deutschland immer einen sehr großen Prozentsatz von
Menschen geben, denen anders und besonders geholfen werden muß. Das gilt
insbesondere auch von den Schwerkriegsbeschädigten. Das Gesetz über ihre
Unterbringung ist den jetzigen Verhältnissen entsprechend abzuändern. Den
erwerbsunfähigen Kriegsbeschädigten und den Kriegshinterbliebenen ist ein
ausreichender Unterhalt zu gewähren. Die Schaffung einer einheitlichen
Versorgungsgesetzgebung für das gesamte Bundesgebiet ist nötig.
Die
Rechtsbeziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern müssen zeitgemäß neu
geordnet werden. Die Selbstverwaltung der Sozialpartner muß an die Stelle der
staatlichen Bevormundung treten. Die Bundesregierung steht auf dem Boden der
Koalitionsfreiheit. Sie wird es den Verbänden überlassen, alles das in freier
Selbstverwaltung zu tun, was den wirtschaftlichen und sozialen Interessen
förderlich ist und was einer weiteren Verständigung zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern dient. Ein verständiger Ausgleich sozialer Gegensätze ist eine
unumgängliche Voraussetzung für den Aufstieg unseres Volks. Dieser Ausgleich muß
durch die Sozialpartner selbst herbeigeführt werden. Die sozial- und
gesellschaftspolitische Anerkennung der Arbeitnehmerschaft macht eine Neuordnung
der Besitzverhältnisse in den Grundindustrien notwendig. Es scheint mir aber
auch eine der wesentlichsten Grundbedingungen einer verständigen Sozialpolitik
zu sein, dem Fleißigen und Tüchtigen jede Aufstiegsmöglichkeit zu geben. Auf die
Betonung dieser Aufstiegsmöglichkeiten legen wir den größten Wert.
Der als
Folge des Krieges und der Verschleppung von Männern eingetretene Frauenüberschuß
ist ein Problem, das unsere besondere Beachtung verdient. Es bedarf wohl keiner
Versicherung, daß wir fest und entschieden gegenüber allen entgegengesetzten
Tendenzen auf dem Boden des Artikels 6 des Grundgesetzes stehen, in dem es
heißt: "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen
Ordnung." Das Problem des Frauenüberschusses erschöpft sich aber nicht in der
Frage der notgedrungenen Ehelosigkeit eines großen Teiles der Frauen; es ist
umfassender und weitreichender. Wir müssen den Frauen neue Berufe und
Ausbildungsmöglichkeiten zu erschließen versuchen. Es wird - wenn es vielleicht
zunächst auch nicht so wichtig aussieht - auch beim Wohnungsbau darauf geachtet
werden müssen, daß den unverheiratet gebliebenen Frauen wenigstens in etwa ein
Ersatz für die fehlende häusliche Behaglichkeit geboten wird. Wir werden alle
diese Fragen, deren Wichtigkeit ich unterstreichen möchte, durch ein einer Frau
anzuvertrauendes Referat im Ministerium des Innern einer möglichst guten Lösung
zuzuführen versuchen.
Den Jugendlichen, namentlich denjenigen, denen die
Erziehung durch Familie und Schule während der Kriegszeit und der wirren Zeit
nach dem Kriege und eine gute Ausbildung gefehlt hat, werden wir zu Hilfe kommen
müssen. Wir werden überhaupt versuchen, unsere Pflicht gegenüber der jungen
Generation anders zu betrachten, als das früher geschehen ist. Die junge
Generation, dessen wollen wir uns immer bewußt bleiben, trägt die Zukunft
Deutschlands in ihren Händen.
Wir werden das Beamtenrecht neu ordnen müssen.
Wir stehen grundsätzlich und entschlossen auf dem Boden des Berufsbeamtentums.
Durch die Denazifizierung ist viel Unglück und viel Unheil angerichtet
worden. Die wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die in der
nationalsozialistischen Zeit und im Kriege begangen worden sind, sollen mit
aller Strenge bestraft werden. Aber im übrigen dürften wir nicht mehr zwei
Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: die politisch Einwandfreien
und die Nichteinwandfreien. Diese Unterscheidung muß baldigst verschwinden.
Der Krieg und auch die Wirren der Nachkriegszeit haben eine so harte Prüfung
für viele gebracht und solche Versuchungen, daß man für manche Verfehlungen und
Vergehen Verständnis aufbringen muß. Es wird daher die Frage einer Amnestie von
der Bundesregierung geprüft werden, und es wird weiter die Frage geprüft werden,
auch bei den Hohen Kommissaren dahin vorstellig zu werden, daß entsprechend für
von alliierten Militärgerichten verhängte Strafen Amnestie gewährt wird.
Wenn die Bundesregierung so entschlossen ist, dort, wo es ihr vertretbar
erscheint, Vergangenes vergangen sein zu lassen, in der Überzeugung, daß viele
für subjektiv nicht schwerwiegende Schuld gebüßt haben, so ist sie andererseits
doch unbedingt entschlossen, aus der Vergangenheit die nötigen Lehren gegenüber
allen denjenigen zu ziehen, die an der Existenz unseres Staates rütteln, mögen
sie nun zum Rechtsradikalismus oder zum Linksradikalismus zu rechnen sein.
Die Befürchtungen, meine Damen und Herren, die namentlich in der
ausländischen Presse über rechtsradikale Umtriebe in Deutschland laut geworden
sind, sind ganz bestimmt weit übertrieben. Ich bedaure außerordentlich, daß
durch Berichte deutscher und ausländischer Zeitungen Persönlichkeiten, indem man
ihre ungezogenen Reden verbreitet hat, eine Bedeutung beigelegt worden ist, die
sie in Deutschland niemals gehabt haben. Aber, meine Damen und Herren, ich
betone nochmals: wenn wir auch glauben, daß diese Berichte übertrieben sind, so
sind wir uns völlig darüber einig, daß wir dem Auftreten rechts- und
linksradikaler, den Staat gefährdender Bestrebungen unsere vollste
Aufmerksamkeit widmen müssen; und ich wiederhole nochmals: wir werden
nötigenfalls von den Rechten, die die Gesetze uns geben, entschlossen Gebrauch
machen.
Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang ein
Wort zu hier und da anscheinend hervorgetretenen antisemitischen Bestrebungen
sagen. Wir verurteilen diese Bestrebungen auf das schärfste. Wir halten es für
unwürdig und für an sich unglaublich, daß nach all dem, was sich in
nationalsozialistischer Zeit begeben hat, in Deutschland noch Leute sein
sollten, die Juden deswegen verfolgen oder verachten, weil sie Juden sind.
Meine Damen und Herren! Ich komme zu einem besonders ernsten und wichtigen
Kapitel. Deutschland wird nunmehr durch seine staatliche Neugestaltung in die
Lage versetzt, sich der Frage der deutschen Kriegsgefangenen und Verschleppten
mit größerer Stärke anzunehmen als bisher. In Rußland werden noch Millionen von
Kriegsgefangenen zurückgehalten. Wir wissen nicht, wohin die 1,5 bis 2 Millionen
deutscher Kriegsgefangener gekommen sind, die aus den russischen Heeresberichten
über die jetzt von Rußland angegebene Zahl der Kriegsgefangenen hinaus errechnet
werden konnten. Das gleiche gilt in ähnlicher Weise für Jugoslawien. Das
Geschick dieser Millionen Deutscher, die jetzt schon seit Jahren das bittere Los
der Gefangenschaft getragen haben, ist so schwer, das Leid ihrer Angehörigen in
Deutschland so groß, daß alle Völker mithelfen müssen, diese Gefangenen und
Verschleppten endlich ihrer Heimat und ihrer Familie zurückzugeben.
Es ist
mir eine liebe Pflicht, für die weitreichende Hilfe, die unseren
Kriegsgefangenen zuteil geworden ist, zu danken, in erster Linie dem
Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf, das unseren deutschen
Kriegsgefangenen unendlich viel Gutes getan hat. Wir danken auch dem Vatikan und
dem gegenwärtigen Papst, der nach dem Kriege der erste war, der den Ruf nach
baldiger Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen erhob und der das Schicksal
der deutschen Gefangenen durch großzügige Schenkungen und Gaben, zu denen er die
Welt veranlaßte, zu mildern versuchte. Der Arbeit der Ökumene in Genf danken wir
in gleicher Weise von ganzem Herzen. Sie hat insbesondere in der
angelsächsischen Welt die Kräfte der Liebe evangelischen Glaubens mobilisiert.
Ich hebe auch die internationale Organisation der Christlichen Vereine junger
Männer hervor, die durch ihren hervorragenden Gefangenendienst unsern Brüdern in
allen Ländern große Hilfe gewährt haben. Auch dem Evangelischen Hilfswerk unter
der Führung von Dr. Gerstenmaier und der Caritas-Kriegsgefangenenhilfe unter der
Leitung des verstorbenen Prälaten Kreutz danken wir herzlichst.
Die Arbeit
der Bundesregierung wird weiter den etwa 200 000 Deutschen gelten müssen, die
sich in dem ehemaligen Ostpreußen und Schlesien sowie in der Tschechoslowakei
befinden, die als Facharbeiter oder als politisch mehr oder minder Belastete
zurückgehalten werden. Darunter befinden sich viele Frauen, die in der ersten
Schockwirkung der Niederlage und in der Hoffnung auf Rückkehr ihrer noch in
Gefangenschaft befindlichen Männer für Polen optiert haben, deren Männer aber in
der Zwischenzeit nach Westdeutschland entlassen worden sind. Das Internationale
Rote Kreuz hat es übernommen, mit den Westalliierten einerseits und mit Warschau
und Prag andererseits über die Umsiedlung dieser bedeutenden Restbevölkerung zu
verhandeln. Die Verhandlungen sind später überraschend - soviel den deutschen
Stellen bekanntgeworden ist, durch die britische Militärregierung - abgebrochen
worden mit der damals gegebenen Begründung, man müsse erst die Bundesregierung
abwarten.
Die Bundesregierung wird sich auch um die 300 000 freien Arbeiter
bemühen müssen, die, um aus der Kriegsgefangenschaft herauszukommen, in
Frankreich, Belgien und England Verträge als freie Arbeiter geschlossen haben.
Endlich werden wir die Forderung erheben müssen, daß gegen diejenigen Deutschen,
die in den alliierten Ländern wegen behaupteter Kriegsverbrechen zurückgehalten
werden, die Gerichtsverhandlungen unter Wahrung aller rechtlichen Formen schnell
zu Ende geführt werden.
Das Los der Vertriebenen, meine Damen und Herren,
ist besonders hart. Die Frage ihres zukünftigen Schicksals kann nicht von
Deutschland allein gelöst werden. Es handelt sich um eine Frage, die nur auf
internationalem Wege ihrer Lösung nähergebracht werden kann. Man muß sie aber
lösen, wenn man nicht Westdeutschland für lange Zeit hinaus zu einem Herd
politischer und wirtschaftlicher Unruhe werden lassen will.
Lassen Sie mich nun zu Fragen übergehen, die uns in Deutschland
außerordentlich am Herzen liegen und die für unser gesamtes Volk Lebensfragen
sind. Es handelt sich um die Abkommen von Jalta und Potsdam und die Oder-Neiße-
Linie. Im Potsdamer Abkommen heißt es ausdrücklich:
Die Chefs der drei
Regierungen
Wenn ich vom Frieden in der Welt und in Europa spreche, dann, meine Damen und
Herren, muß ich auf die Teilung Deutschlands zurückkommen. Die Teilung
Deutschlands wird eines Tages - das ist unsere feste Überzeugung - wieder
verschwinden. Ich fürchte, daß, wenn sie nicht verschwindet, in Europa keine
Ruhe eintreten wird. Diese Teilung Deutschlands ist durch Spannungen
herbeigeführt worden, die zwischen den Siegermächten entstanden sind. Auch diese
Spannungen werden vorübergehen. Wir hoffen, daß dann der Wiedervereinigung mit
unseren Brüdern und Schwestern in der Ostzone und in Berlin nichts mehr im Wege
steht.
Die Vertreter Groß-Berlins nehmen einstweilen nur mit beratender
Stimme an den Arbeiten dieses Hauses und des Bundesrats teil. Ihre Stimmen haben
aber deswegen nicht weniger Gewicht, weil sie kein Stimmrecht haben. Wenn auch
der Eiserne Vorhang, der quer durch Deutschland geht, noch so dicht ist - er
kann nichts an der geistigen Verbundenheit zwischen den deutschen Menschen
diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs ändern.
Lassen Sie mich, meine
Damen und Herren, in dieser Stunde mit besonderem Dank der Vereinigten Staaten
von Nordamerika gedenken. Ich glaube nicht, daß jemals in der Geschichte ein
siegreiches Land es versucht hat, dem besiegten Land in der Weise zu helfen und
zu seinem Wiederaufbau und seiner Erholung beizutragen, wie das die Vereinigten
Staaten gegenüber Deutschland getan haben und tun. Wir glauben, meine Damen und
Herren, daß eine spätere Geschichtsschreibung dieses Verhalten der Vereinigten
Staaten als eine größere Tat bezeichnen wird als seine Anstrengungen im Kriege.
Ich weiß, daß unzählige Amerikaner aus echter, persönlicher Teilnahme und
Nächstenliebe uns Deutschen in unserer schwersten Not, als hier Hunger und
Mangel herrschten, in rührender Weise geholfen haben. Das deutsche Volk wird das
dem amerikanischen Volk niemals vergessen dürfen, und es wird das auch nicht
vergessen.
Meine Damen und Herren! Die kulturellen Angelegenheiten gehören nach dem
Grundgesetz zu der Zuständigkeit der Länder. Aber im Namen der gesamten
Bundesregierung kann ich folgendes sagen:
Unsere ganze Arbeit wird getragen
sein von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor dem
Recht und vor der Würde des Menschen. Wir hoffen - das ist unser Ziel - daß es
uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und
beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt.
Quelle: Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schmidt. Eingeleitet und kommentiert von Klaus von Beyme, München/Wien 1979, S. 53-73.