Ablass –
was ist das?
![]() |
Ablass - was ist das? Man muss schon sehr tapfer
sein, wenn man Leuten, die unsere Kirchensprache nicht verstehen, diese
Frage stellt: Viele denken sofort an die Installation eines "Abflusses",
andere gar an bestimmte Körperfunktionen. Leute, die mit der Kirche mehr
zu tun haben, wissen, dass es etwas Frommes ist, aber auch nicht genau,
was. Priester und Theologen reden kaum darüber. Ich auch nicht.
Da ich nun aber gefragt wurde, will ich versuchen, kurz und seriös zu erklären, was die katholische Kirche heute unter Ablass versteht. |
Der Anlass, warum wir uns über den Ablass Gedanken machen, ist das "Heilige Jahr" oder "Jubiläumsjahr 2000". Seit Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1300 erstmals solch ein "Jahr des großen Verzeihens" ausgerufen hat, gehört es zur Tradition "Heiliger Jahre", dass alle Gläubigen eingeladen werden, den sogenannten Jubiläumsablass zu gewinnen.
Der Ablass gehört zwar nicht zur Mitte des katholischen Glaubens – kein katholischer Christ ist verpflichtet, einen Ablass zu gewinnen – , aber er macht auf Dinge aufmerksam, die durchaus wichtig sind.
1. Sünde hinterlässt Spuren
Wer sündigt, schadet den Mitmenschen und sich selbst. Ein
Beispiel: Herr Müller ist grundlos eifersüchtig.Er macht seiner Frau ungerechte
Vorwürfe und peinigt sie, aber er peinigt auch sich selbst , indem
er sich immer tiefer in seine schädlichen Gefühle verbohrt. Wenn Herr Müller zur
Einsicht kommt, dass er seiner Frau Unrecht tut und seine Sünde ernsthaft
bereut, wird er von Gott Vergebung erlangen. Freilich ist mit der
Vergebung der Sünde, selbst wenn Herr Müller das Bußsakrament empfängt, der Fall
nicht einfach erledigt. Herr Müller wird Phantasie entwickeln müssen, wie er
seiner Frau gegenüber Wiedergutmachung leistet (er könnte sie z. B. zu
einer Urlaubsreise einladen). Aber auch damit ist der Fall nicht einfach
erledigt. Die Gefühle der Eifersucht werden ja nicht von einen Tag auf den
anderen aus seiner Seele weggezaubert sein. Herr Müller wird vermutlich noch
länger daran arbeiten müssen, bis er wirklich davon frei ist.
Die katholische Lehre unterscheidet deshalb zwischen der "Sünde" selbst, die sofort vergeben werden kann, und den Wirkungen der Sünde, die auch nach der Vergebung anhalten und einer Bearbeitung bedürfen. Da diese Nachwirkungen nicht angenehm sind, werden sie von Theologen auch "Sündenstrafen" genannt. Das lateinische Wort poena bedeutet nicht nur Strafe im rechtlichen Sinn, sondern auch Beschwerlichkeit, Pein, Qual. Man kann auch von Wunden und schmerzenden Narben der Sünde sprechen, die (auch nach gelungener Operation) noch auf volle Ausheilung warten.
2. Heilung ist ein Prozess
Wenn in den ersten Jahrhunderten ein Christ sich einer
besonders schweren Sünde schuldig gemacht hat, konnte er nicht einfach heimlich
zur Beichte schleichen, sondern musste öffentlich in der Kirche um Vergebung
bitten. Dort wurde er zum Büßer erklärt und zu einer meist sehr langen
Bußzeit verpflichtet. Büßer mussten auf den Empfang der Eucharistie
verzichten, eifrig beten, fasten und Taten der Nächstenliebe setzten. So sollten
sie zeigen, dass sie die Gnade Gottes neu in sich wirken lassen und ernsthaft an
ihrer Besserung arbeiten. Erst nach dieser Bewährungszeit wurde ihnen vor
versammelter Gemeinde feierlich die Lossprechung gegeben. Jetzt galt der Sünder
als geheilt.
Diese strenge Bußordnung wurde in späterer Zeit durch die mildere Praxis der geheimen Beichte ersetzt, die in ihren Grundzügen bis heute gültig ist. Wenn heute der Sünder zur Beichte kommt, erhält er vom Priester (meist) sofort die Lossprechung, allerdings auch mit der Auflage, Wiedergutmachung zu leisten, soweit das möglich ist, und Buße zu tun. Das Wort Buße hängt mit dem Wort bessern zusammen. Ein inniges Gebet, ein Verzicht, konkrete Werke der Nächstenliebe sollen dem, der die Vergebung empfangen hat, helfen, wieder als guter Christ zu leben: Bußübungen als eine Art Therapieübung, damit die Wunden und Schäden der Sünde verheilen können.
3. Auf dem Weg der Heilung bist du nicht
allein
Die Kirche erkannte immer klarer:
Wer sich auf den Weg der Buße, also der inneren Genesung und Erneuerung macht,
ist nicht allein. Unser Herr Müller z.B., der seine Eifersucht bereut hat und
lernen möchte, seiner Frau mit Vertrauen zu begegnen, hat nicht nur Nachbarn,
Freunde und Lebensberater, die ihm vielleicht helfen können, sondern er gehört
darüber hinaus durch die Taufe zu einer großen geistlichen Gemeinschaft von
Brüdern und Schwestern. Die Einladung der Kirche, "einen Ablass zu
gewinnen", ist die Einladung, die spirituelle Hilfe dieser
Gemeinschaft, deren Haupt Jesus Christus selbst ist und zu der alle heiligen
Menschen im Diesseits und Jenseits gehören, in Anspruch zu nehmen. Es gibt nicht
nur die Lawine des Bösen in der Welt, sondern auch eine gewaltige Lawine des
Guten und der Liebe. Nicht nur jede böse Tat, auch jede gute Tat eines Menschen
hat ihre Auswirkung für die anderen. Ja die Gnade ist – wie Paulus einmal
schreibt – sogar viel "mächtiger als die Sünde" (Röm 5,20). Im Ablass sagt die
Kirche Herrn Müller zu: Alles Gute, das durch Christus und die vielen, vielen
heiligen Menschen in überreichem Maß geschehen ist, kommt auch dir
zugute, ist auch für dich getan. Du darfst Christus und die Heiligen als
großen Schatz verstehen, aus dem auch du schöpfen kannst. Dieser
Reichtum der Liebe (Eph 1,7) "ergänzt" - wenn du wirklich offen dafür
bist – das, was dir fehlt und was du vielleicht nie zusammenbringst, und
erleichtert dir den Weg zur vollen Gesundung vor Gott (in der Sprache der
Tradition: Du empfängst "Ablass", also Nachlass oder Tilgung der
"Sündenstrafen"). Darauf darfst du fest vertrauen. Dafür bürgt die
Kirche, die Christus zum "Dienst der Versöhnung"(2 Kor 5,18) bevollmächtigt hat
(vgl. auch Mt 18,18f).
4. Helfende Liebe über den Tod
hinaus
Ab dem Mittelalter fragten die
Menschen: Dürfen wir aus diesem Reichtum der Liebe nicht auch für die
Verstorbenen Hilfe erbitten? Ja, ermunterte sie die Kirche, ihr dürft!
Verstorbene, die noch der Läuterung bedürfen, erfahren durch diese "Zuwendung
des Ablasses" Hilfe auf ihrem Weg zum vollen Heil in Gott. Gott will, dass
alle, die in Christus miteinander verbunden sind - der leibliche Tod kann diese
Verbindung nicht zerstören - einander in Liebe zugetan bleiben, sich füreinander
einsetzen, einander die Lasten tragen helfen und füreinander beten - bis alle
ihr ewiges Ziel in Gott erreicht haben.
5. Missbrauch und rechter Gebrauch liegen
oft eng beieinander
Menschen können alles
missbrauchen: die Heilige Schrift nicht weniger als die Sakramente, erst recht
den Ablass, der nicht zu den zentralen Dingen unseres Glaubens gehört. Besonders
gefährlich wurde es, als man im Spätmittelalter die Bußwerke zunehmend durch
Geldspenden (z.B. für den Bau prachtvoller Kirchen) ersetzte. Päpste und
Bischöfe bereicherten sich z. T. auch persönlich an dieser Ablasspraxis. Mit
Recht kritisierte Martin Luther diesen "Ablasshandel", der den Anschein
erweckte, Reiche könnten sich (und ihre verstorbenen Angehörigen) bequem "von
Sündenstrafen freikaufen" und sich durch Geld der Ernsthaftigkeit der Buße
entziehen. Bald verwarf Luther allerdings die Ablässe überhaupt. Als (späte)
Antwort darauf warnte das Konzil von Trient eindringlich vor Übertreibung und
Missbrauch (vgl. DS 1835) und definierte 1563 sehr allgemein, dass die Kirche
Ablässe gewähren darf und das diese "für das christliche Volk überaus heilsam
sind". 1967 hat Papst Paul VI. die Ablassordnung reformiert.
6. Es geht um Erneuerung des
Taufversprechens
Viele katholische
Gläubige tun sich heute mit den äußeren Formen der Ablässe schwer: Warum
soll ich eine bestimmte Kirche aufsuchen, warum gerade ein Glaubensbekenntnis,
ein Vaterunser und ein Ave Maria beten usw.? Was heißt vollkommener
Ablass?
Wenn man allerdings einmal ohne das moderne Vorurteil gegen Reglementierungen die Ablassbedingungen ansieht, entdeckt man, dass es eigentlich um eine Erneuerung des Taufversprechens und des Glaubens geht.
Das Glaubensbekenntnis soll - und zwar aus ganzem Herzen! -gesprochen werden, weil es unser Taufbekenntnis ist, weil wir uns neu unserem Gott zuwenden wollen. Und mit dem Vaterunser nehmen wir die Worte Jesu in den Mund , weil wir seit der Taufe seine Geschwister und damit Töchter und Söhne des "Vaters im Himmel" sind. Im Ave Maria schauen wir auf die Mutter Jesu, Urbild des gläubigen Menschen und der ganzen Kirche. Und weil der Glaube, auf den wir getauft sind, nicht unsere private religiöse Phantasie ist, sondern ein Geschenk, das wir anderen verdanken, empfiehlt uns die Kirche, eine Wallfahrt ins Heilige Land zu machen, wo der historische Ursprung unseres Glaubens liegt, oder nach Rom, zu den Gräbern der Apostel, der ersten Zeugen des christlichen Glaubens, oder zu einer Kirche, die als religiöses Zentrum in unserer Heimat gilt. Das gemeinsame Unterwegssein und das Gotteshaus, in dem schon unsere gläubigen Vorfahren gebetet haben, sind sinnenfälliger Ausdruck für die große Gemeinschaft der Kirche. Das sogenannte Gebet "auf die Meinung des Heiligen Vaters" weitet unseren Blick ebenfalls über die persönlichen Sorgen und Wehwehchen hinaus auf die Gemeinschaft der Weltkirche und die Anliegen der Menschheit.
7. Vollkommener Ablass?
Es ist gar nicht so schwierig, alle äußeren Bedingungen
für einen vollkommenen Ablass zu erfüllen. Zur Vollgestalt des Jubiläumsablasses
gehören auf jeden Fall der Empfang des Bußsakramentes, die Mitfeier der Messe
und Teilnahme am Tisch des Herrn. Aber wie vollkommen der Ablass in
seiner Wirkung ist, werden wir nicht berechnen können, hängt aber wohl
auch davon ab, wie vollkommen unsere Offenheit für Gott ist.
8. Nachsicht, Güte,
Zärtlichkeit
Abschließend noch
einen Hinweis machen: Das kirchenamtliche Wort für "Ablass", das lateinische
"indulgentia", bedeutet ursprünglich Nachsicht, Güte und
Zärtlichkeit. Es hat überhaupt nichts mit einem mysteriösen Handel zu tun,
sondern lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Gott und seinen liebevollen Umgang mit
uns fehlerhaften Menschen. Wenn wir die Einladung der Kirche annehmen und die
von ihr zur Erlangung eines Ablasses vorgeschlagenen Zeichen (z.B. Wallfahrt,
Gebet, Krankenbesuch usw.) gläubigen Herzens vollziehen, dürfen wir gewiss sein,
der Nachsicht und Güte Gottes zu begegnen - und dadurch auch selbst
nachsichtiger und gütiger zu werden.
Quellnachweis: Glaubensinformation von Karl Veitschegger